Filmtipps

FILMTIPP #67: MISS YOU ALREADY VON CATHERINE HARDWICK (GB 2015).

Bildquelle: Lionsgate

Gefühlte 50 Millionen Menschen haben Intouchables/Ziemlich beste Freunde (F 2011) gesehen, die warmherzige Komödie über die Freundschaft eines reichen Roll­stuhlfahrers mit seinem schwarzen (poc) Betreuer. Der Titel ist zum geflügelten Wort geworden, vielseitig verwendet und, wenn wir ehrlich sind, mittlerweile leicht abgenutzt. Ziemlich beste Freundinnen, das wäre zweifellos aber ein passender Titel für die englische Tragikkomödie Miss You Already, die unter dem dämlichen Titel Im Himmel trägt man hohe Schuhe deutlich am deutschen Publikum vorbeischlitterte.

Jess (Drew Barrymoore) und Millie (Toni Collette) tun mit Vorliebe, was jun­ge Frauen gerne tun: Sie diskutieren mit Leidenschaft, ob es diese Frisur oder jene Schuhe sein sollen, ob der Sex noch stimmt und vor allem, wann und ob überhaupt je die Zeit für ein Kind ist. Die Freundschaft wird jedoch auf eine harte Probe gestellt: Millie bekommt eine Krebsdiagnose und be­ginnt, ihr sorgsam eingeübtes Leben auf den Kopf zu stellen. Nun wird wichtig, dass Millie ihr Schicksal aktiv und die meiste Zeit furchtlos, wenn auch mit osten­tativ gezeigtem Sarkasmus annimmt, wäh­rend die geborene Ame­rikanerin Jess immer weiter damit hadert, trotz massi­ver Massnahmen, nicht schwan­ger zu werden. Jess ist missmutig, dazu von Millies Diagnose überfordert; diese hat rasch schlimme Auswirkungen, von denen Haarausfall und Kotzen, der Ver­lust der Brüste und die daraus folgen­den Narben noch die harmloseren sind. Wirklich zermürbt sie, dass jeglicher Anflug von Hoffnung nur kurz anhält.

Die Freundschaft bekommt Risse, als Jess nicht von dem endlich angebahn­ten freudigen Ereignis berichtet und Millie, die ihrerseits immer hinfälliger wird, eine Affäre mit bizarren Auswüchsen beginnt. Den Lover, der auf ihren neuen Körper steht, trifft sie im Yorkshire-Moor. Dort, in die Heimat der Brontés, hatte der letzte, spontan begonnene Ausflug eigent­lich die zwei Freundinnen geführt, somit auch der Versuch, noch einmal zu­einander zu finden. Erst die finalen Ereignisse, das Sterben des einen und die Ge­burt des anderen Menschen, wird sie ein letztes Mal zueinander bringen.

Miss you already ist der geglückte Versuch, ein ernstes Thema mit den Mit­teln einer allerdings weitgehend unromantischen Komödie zu vermitteln. Das „Miss you“ des Titels nimmt den Ausgang vorweg. Er gilt für die beiden Frau­en mehr als für Millies Mann, der genau wie Jessens Freund immer in der zweiten Reihe bleibt. Selbst ihre Familie, die Jess stets zu stützen ver­sucht, zählt am Ende weniger als die beste Freundin. Ein Film, der trotz sei­nes Auftritts als Komödie durchaus ein wenig Mut fordert, wenn man sich ganz auf ihn einlässt. Immerhin lässt einen das Ende wieder etwas ruhiger werden und vielleicht ein wenig lächeln.

Nach der Ingelheimer Aufführung des Films kamen etliche Menschen auf uns zu und berichteten, ziemlich ergriffen worden zu sein, und zwar deshalb, weil in der Familie oder im Freundeskreis Krebs aufgetreten war. Bei wel­chem Erwachsenen der mittleren Altersstufe wäre das auch nicht der Fall?

Ich frage mich oft, was das Kinoerlebnis eigentlich ausmacht. Auch zuhause hat man heute große Screens mit scharfen Bildern; im Kino sehe ich auf der anderen Sei­te selten Bekannte, und wenn, erschöpft sich das in kurzem Grü­ßen. Aber was ich dort habe: Einen Korpus von Menschen, wie in einem Sta­dion, das Emotionen gemeinsam erlebt und auslebt; Lachen, Seufzen, Atmen, Stil­le. In die­ser Hinsicht habe ich mir bei F!F-Abenden angewöhnt, von ei­nem Platz neben der Leinwand immer mal aufs Publi­kum zu­ schauen, in of­fe­ne Ge­sichter & Münder: Menschen, die ano­nym und in der Grup­pe ge­mein­sam erleben, ein Resonanzkörper von unmittelbar ausgebreiteten Gefühlen.

Der Zufall wollte es, dass an dem Tag, an dem wir Miss you already open air zeigten, in Mainz das Ende des altehrwürdigen Kinos Princess verkündet wor­den war. Das Ende also, zweifach, indirekt erlebt. Zuletzt hat das Palatin Alarm geschlagen, auch dieses alte Kinogebäude ist mittlerweile an den Inve­stor verkauft, der schon das Princess an sein Ende befördert hat. Vielleicht war unsere Form der Veranstaltung zu Miss You already mit 200 Zuschauer­Innen im Gegenzug ein Wink, wie es mit dem Kino weitergehen könnte.

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