Filmtipps

FILMTIPP #68: SE7EN VON DAVID FINCHER (USA 1995).

Bildquelle: Prado, Madrid

Eine Chance, den Geheimnissen großer Filme auf die Spur zu kommen, bieten die so­genannten Extras auf DVD oder Blu-ray. Für David Finchers Se7en (1995) hält die Spe­cial Edition allein vier verschiedene Audio-Kommentare bereit, sieben am Ende nicht ver­wen­de­te Szenen, animierte Storyboards und weiteres Bonusma­te­rial. Das Studium dieser Add-ons braucht naturgemäß einiges Spezialinteresse. Mag man es konven­tionel­ler, kann man zu der ausgezeichneten kleinen Monogra­phie greifen, die Richard Dyer für das British Film Institute veröffentlicht hat.

Das Großartige an Se7en ist, dass man das alles im Grunde gar nicht braucht. Der Film selbst ist völlig klar; er bietet seine Geheimnisse ganz offen an – ohne dass er beim ersten Se­hen auch nur einen Moment lang trivial oder vorhersehbar daher kä­me. Was der besonnene Detektiv Som­merset (Morgan Freeman) mühsam heraus­buch­stabieren muss, durch ei­nen langen Besuch einer Biblio­thek und ergänzt durch ein sehr breitge­fä­cher­tes kultu­rel­les Wis­sen, was dem Zuschauer erst in sei­ner letzten, überra­schen­den und höchst schockie­renden Konsequenz in den letzten Minuten des Films klar wird – das eröffnet der Blick auf ein einziges Bild: Der Film orientiert sich an den “Sieben Todsün­den”, mehr noch, er entwickelt aus dem moralischen Dogma der Katholischen Kirche seine Struktur. Inspiriert ist er weiter durch Dantes Divina Com­me­dia sowie das Purgatorium, die Canterbury Tales von Chau­cer, Shakespeares Kaufmann von Venedig. Ent­schei­dend ist dennoch der phä­no­me­nale Unterschied: Letztere sind in Wor­te ge­fass­te Mo­del­le zur Strukturie­rung der Welt. Der Film arbeitet mit einer sinnlichen Aura, de­ren ästhe­ti­sche Aneig­nung die Welt ebenfalls erfassbar und inter­pre­tier­bar macht. Und eben den genannten Vor­teil: Eine solche Struktur, ein Bild, ist Menschen auch ohne Studium zugäng­lich, was erst einmal den Gläubigen im Mittelalter zugute kam, die in großer Mehrheit nicht lesen konnten und damit eine Kultur des Bildes notwendig machten, die uns noch heute prägt.

Der Blick auf ein Bild, auf Bilder also. Als erster Helfer bietet sich hier die Tafel von Hiero­nymus Bosch im Prado in Madrid an (s. Abb.); sie zeigt als Tondo, als kreisrundes Bild, in emblematischen Einzelszenen vieles von dem, was die Kirche im Mittel­al­ter als Grund­übel ansah und den Menschen untersagen wollte (be­gin­nend unten rechts, mit superbia): den Hochmut, dann die Wollust (luxuria, auch Genuß­sucht), die Trägheit (acedia), die Völlerei (gula), die Habgier (avaritia), den Neid (invidia) und den Zorn (ira). Annä­hernd in diese Reihenfolge bringt der se­rial killer von Se7en seine Taten– sieben Morde innerhalb einer Woche, moti­viert durch gluttony/Fresssucht, greed/Gier, sloth/Trägheit, lust/Sexsucht, pride/Hoch­mut, envy/Neid und wrath/Zorn. Man sieht, wenig musste aktualisiert werden, um in unsere Zeit zu passen.

Ist das, was John Doe (Kevin Spacey) in der vielgelobten graphischen Ti­telse­quenz als Kon­zept in ein dickes Scrapbook einträgt, bevor er seine Taten praktisch aus­zuführen be­ginnt, Kunst? Ist John Doe ein evil artist? Man muss hier nur einen Moment lang an den Komponisten Karlheinz Stockhausen denken, der die An­schlä­ge des 11. Sep­tember als größtes denkbares Kunstwerk bezeichnet hat, um das Problemati­sche der Idee zu erkennen. Kunst war, ist und sollte an Welt­li­ches ge­bun­den sein, um uns Menschen bei der Bewältigung der Realität zu hel­fen. Die alte, mimetische Kunst macht es uns vor. Dazu gehört auch noch der Film als Kunstgattung. Erst nach ihm kam die Wende zum Konzept, die sich von der an­schaulichen Wahrnehmung entfernte und doch ganz sicher auch ihre Berechtigung hat.

Wer also ist der Künstler von Se7en? David Fincher natürlich, mit seinen Lang­fil­men zwei und drei (Fight Club) mit einem Mal der heißeste Regisseur an der Jahrtausendwende. Und natürlich der Mann, der sich alles ausgedacht hat, der Dreh­buchautor Andrew Kevin Walker. Er ist kurz im Film zu sehen: der Drei­zent­nertyp, der eingangs mit dem Kopf in einem Teller Spaghetti gefunden wird.

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