FILMTIPP #96: FILMISCH REISEN (6). HINAUS, ZUM ENDE: INTO THE WILD VON SEAN PENN (USA 2007).

Illustration: Frithjof Heinrich, Hochschule Mainz

Eine junge Frau wird tot in einem Weinberg gefunden, der Körper sehr ver­schmutzt, die Glieder mon­strös verdreht. Friedlich ist Mona (Sandrine Bonnaire) nicht gestorben, wenn auch im Hintergrund zwei Pinien einen Friedhof andeuten, in einem Midi, der im Lauf des Films immer unidyllischer wird. Agnès Vardas Er­folgsfilm Sans Toi ni Loi a.k.a. La Va­ga­bonde (1982) betont die Autoren­sicht, eine Instanz, die Bescheid weiss, im Gegen­satz zu story-zentrierten-amerikani­schen Erzäh­lungen. Varda berichtet über die letzten Mo­nate im Le­ben einer Drif­te­rin eher als sie zu erzählen: Wie es zu die­sem Tod kom­men konnte, darüber spre­chen Beteiligte, die mit Mona zum Ende hin zusammen trafen, direkt in die Ka­me­ra. Die Empathie der Erzähl­instanz ist dabei immer auf der Seite des Opfers; be­zeich­nen­der­weise bleibt ein anderer Ausgegrenzter, der tunesische Erntehelfer Assoun, einfach stumm. Der Film porträ­tiert eine Gesellschaft, die für Unan­ge­passte, aus der Ord­nung Ausscherende keinen Platz hat, und er legt eine Haltung dazu nahe.

Den Lauf der Ereignisse selbst steuert dagegen Chris MacCandless (Emile Hirsch), der am Ende von Into the Wild (2007) ebenfalls tot sein wird. Entstanden nach einem Ro­man von Jon Krakauer, dem Spezialisten für solipistische Aben­teu­rer in Eis und Schnee, erzählt der Film nicht durchgehend chronologisch; im Ganzen ergibt er ein Reisetagebuch, das am äußeren Verlauf einige Facet­ten der inneren amerikanischen Verfasstheit zeigt. Den geoggraphischen Verlauf dieser Reise hat der Student Frithjof Heinrich kartographisch aufgezeichnet (s. Abb.).

Ausgang ist eine vertrackte Familiengeschichte, insbesondere der Eltern, von de­nen sich Chris emotional weit entfernt hat. Die Eltern leben in Annanda­le/Vir­gi­nia und möchten ihren Sohn auf dem Campus der Emory University in Atlan­ta/Geor­gia besuchen – vergebens. Chris hat den Bruch mit der sozialen Gemein­schaft bereits vollzogen, trotz eines sehr guten Diploms; die vorgezeichnete Laufbahn schlägt er aus. Er über­weist den Rest seines Studienkredits an Oxfam und verlässt Atlan­ta, ohne Bescheid über seinen Verbleib zu geben. Sein einziger Besitz, ein Nissan Sunny, bringt ihn nach Westen, in die Mojave Wüste, wo er bei Lake Mead von einem Sturzregen überrascht wird. In einem Akt der Radikalisierung verbrennt er sein letztes Bargeld und schlägt sich als Anhalter nach Kalifornien durch.

Von Orick an der Westküste wendet sich Chris ins Heartland nach Carthage in South Dakota zurück, wo er eine ganze Zeit bei dem Farmer Wayne bleibt, für den er arbeitet und zum Freund wird. Als Wayne die Pläne über einen Selbsterfahrung­strip nach Alaska hört, rät er, auf den Sommer zu warten und die Übergangs­zeit im Süden zu ver­bringen. Wayne ist in illegale Geschäfte verwickelt ist, daher bricht Chris in Richtung Süden auf und kauft sich in Topock/Ari­zona mit dem auf ver­dien­ten Geld ein Kajak, um auf dem Colorado River weiter zu reisen. So illegal wie den Fluss zu befahren ist der Übertritt nach Mexico; einige Zeit haust Chris in einer Höhle. Da ihm das Kajak bei Santa Clara abhan­den kommt, geht er zu Fuß weiter und landet wieder auf ameri­kanischen Terrain in der Nähe von Los Angeles.

Die Metropole vermeidend, zieht er als illegaler Passagier auf Güterzügen weiter. Von einem Streckenwärter wird Chris brutal zusammengeschlagen. Er schlägt sich durch bis nach Bullhead/Arizona, wo er sich in einem Fastfood-Restaurant anstel­len lässt, um Geld für den Trip in den Norden zu sammeln.

Auf die Einladung des Hippiepaares zurück­kommend, sucht er Slab City in Kalifornien auf und trifft hier auf die minderjährige Tracey, die ihm Avancen macht; Chris lehnt ab. Er muss nach Alaska, er muss in die Einsamkeit.

In der Nähe von Salton City, noch in Kalifornien, lernt Chris den Army-Veteranen Ron kennen, der seine Familie verloren hat. Es entwickelt sich ein letztes enges Verhältnis, fast das eines Vaters zu seinem Sohn, und Ron bietet schließlich an, Chris zu adop­tieren. Auch hier will sich Chris davon machen, wird aber von Ron überrascht und noch mit dem Nötigen ausgestattet.

Über Grand Junction in Colorado gelangt Chris schließ­lich nach Alaska. Für den Winter ist er höchst not­dürftig ausgestattet; er findet immerhin einen alten Li­nien­bus und nennt ihn seinen “Magic Bus”, nach dem Gefährt, mit dem Ken Kesey und die Merry Pranksters 1964 die Idee des Aussteigens visuell manifest machten.

Doch Into the Wild ist kein fröhlicher Gegenentwurf, im Gegenteil, der Film zieht herunter, und zwar aus einem Grund. Er lehrt, dass besonders in der Jugend immer wieder Türen aufgehen, die sich nach kurzer Zeit auch wieder schließen. Junge Menschen sind gut beraten, ab und zu durch eine dieser Türen (gleich Möglich­keiten, die sich eröffnen, zu nutzen) zu gehen, auch wenn sie nicht genau erkennen können, was sich dahinter verbirgt: Eine Erfahrung, die man beginnt, führt zu einer nächsten, und diese wieder zu einer anderen. Chris hingegen hält an dem Plan für sein Leben fest, den er einmal getroffen hat, und damit scheitert er erbärmlich und grausam.

An unseren Reisefilmen fällt auf, dass sie zum größten Teil aus Amerika stammen. Das Aus­se­hen des Landes, seine menschengemachten Bauten und natürlichen Land­schaften sind in ameri­kanischen Filmen in gleichem Maß wichtig; es gibt hier selten jene transzendentale Über­hö­hung, die in der europäischen Kulturgeschichte so vertraut ist. Jedes Individuum hat sich der Auseinan­dersetzung mit dem faktischen Amerika zu stellen, this country, das der Siedler Jorgensen im Mei­ster­werk des amerikani­schen Landschaftsfilms, John Fords The Searchers (1956), für den Tod seines Sohns verantwortlich macht. Der Staat hilft jedenfalls nicht; der Einzelne be­stimmt sein Glü­ck, oder sein Unglück, wie der Fall des Chris MacCandless belegt.

Übertragen auf die deutschen Verhältnisse, fehlt eine vergleichbar große Erzählung vom Schei­tern eines jungen Menschen oder einer jugendlichen Generation. Die Nach-68er-Bewegung, der eine solche Erzählung am ehesten zuzutrauen gewesen wäre, setzte weni­ger auf das Medium Film als auf Schrift(en). Immerhin sind die Dimensionen klar, sie reichen weit über skandali­sier­bare Einzelereignisse hinaus. Dem Buch von Gerd Koenen über Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kul­turrevolution entnehme ich zwei Vorausset­zungen, die in jener Erzählung zu berücksichtigen gewesen wären: „Da war, er­stens, der beispiellose ökonomische Aufschwung und sozialkulturelle Umbruch der Nach­kriegs­periode, auf dessen Grundwelle wir gewisser­ma­ßen ritten. Auf die damit eröffneten, nie gekannten Le­bensmöglichkeiten und Entwick­lungs­po­tentiale reagierte ein Großteil der Jün­geren – ähnlich wie zu Beginn des Jahrhunderts – keines­wegs mit frisch-fröhli­chem Op­timismus, sondern mit apokalyptischen Weltgefühlen ( …)“, und: „Es gab für die Her­anwachsenden in der bundesdeutschen Gesellschaft ein völli­ges Va­kuum posi­tiv zu besetzender Ideale und Vorbilder.“ (Frankfurt/M.: Fischer tb, S. 476ff.)

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