FILMTIPP #95: FILMISCH REISEN (5). MIT BILL MURRAY AUF DER SUCHE NACH DER FAMILE: DARJEELING LIMITED (USA 2007) VON WES ANDERSON UND BROKEN FLOWERS VON JIM JARMUSCH (USA 2005).

Illustration: Clara Laessle, Hochschule Mainz

Die Filme des Amerikaners Wes Anderson haben meist zwei Dinge gemeinsam. Sie handeln von Menschen auf Reisen oder besser: auf der Suche nach oder auf der Flucht vor sich selbst, vor Verwandten oder anderen Menschen, die ihnen Böses wollen. Erst mit The French Dispatch (2021) ist Anderson von seinen Prinzipien abgewichen, von Bottle Rocket bis Isle of Dogs bewegen sich seine Protagonisten aber immer hinein in unbekanntes Terrain, besonders poetisch in der Romanze zweier Kinder, Moonrise Kingdom (2012), besonders skurril und in die Zeitgeschichte einge­woben in dem Evasionsdrama Grand Budapest Hotel (2014). Diesen Film haben wir in einer Kirche gezeigt, die Leinwand stand dabei vor dem Altar.

Das zweite Kennzeichen von Anderson-Filmen, neben den ähnlich angelegten Geschichten, sind Schauspieler, die man bei dem aus Texas stammende Regisseur immer wieder sieht. Wenn man die Besetzungslisten nachliest, sind es numerisch gar nicht so viele Auftritte von Willem Dafoe, Owen Wilson, Tilda Swinton, Adrian Brody, Jason Schwartz­man, Frances McDormand, Seymour Cassel, doch diese Phalanx prominenter Hollywoodakteure vermittelt den Eindruck, dass alle mit Anderson drehen wollen. Einer ist immer dabei, Bill Murray, der anderswo größer herausge­kommen ist (warum nur fehlt in dieser Liste Groundhog Day?; immerhin haben wir Lost in Translation, s. Filmtipp 26) und doch als die Personifikation des Anderson-Touches gelten kann. Ein solcher Clan hieß im klassischen System Stock Company, die Filme des großen John Ford z.B. sind von einem ähnlich konstanten Ensemble geprägt.

Am Anfang von Darjeeling Limited hat Murray einen vielversprechenden Auftritt, als er in einer indischen Großstadt mittels eines Taxis einen abfahrenden Zug zu erreichen sucht: Er schafft es nicht, somit schafft er es auch nicht in den Film. Ein Inside-Joke. An seiner Stelle kommt Peter (Adrian Brody) gerade noch rechtzeitig, Peter, der ein Jahr lang nicht mit seinen Brüdern Francis (Owen Wilson) und Jack (Jason Schwartzman) gesprochen hat und mit ihnen nun den indischen Kontinent durchqueren will, um die an ein Kloster verlorene Mutter zu suchen. Diese Motivation bleibt eine Zeitlang unerklärt, wie überhaupt die Gründe der drei Brüder, die gemeinsame Reise im Darjeeling Limited anzutreten, merkwürdig diffuser Natur sind. Bei allen dreien scheint es jedenfalls die Flucht aus einer Krise heraus nach vorn.

Die Studentin Clara Laessle hat das Stationendrama des Brüder-Trios illustriert (s. Abb.) Das Bild bezeugt das Potential von Illustration allgemein: Im naturalistischen Sinn nicht ähnlich, mit Zeichen arbeitend und keine Menschen zeigend, enthält es doch die entscheidenden Wendepunkte, die dem Film Struktur geben. Was eine solche beschriftete, dennoch stumme Grafik nicht einfangen kann, ist die Audiospur. Anderson hat sich reichlich in der Filmgeschichte Indiens bedient und Scores aus allerlei Klassikern verwendet. Die auffälligeren musikalischen Einspieler verweisen noch auf einen anderen Hintergrund. Zwar sind die drei Brüder Amerikaner, ihr Verhalten ist aber das britischer Dandys in der ehemaligen Kolonie. Den Dandy haben musikalisch die Kinks geprägt, so wie Andersons Film von Lola vs. Powerman and the Moneygoround (1970) geprägt ist, einer Schallplatte, die das alte West End, das verschwindende Musikviertel Londons, porträtierte. Wiederum drei Mal nimmt Darjeeling Limited einen Song der Kinks auf, und jedes Mal ergibt sich ein Hörbild zu einer zentralen Frage: Wo werden wir morgen um diese Zeit sein? Bleiben wir nicht immer fremd auf dieser Welt? Wie kann ich als Einzelner gegen die symbolische Ordnung angehen, die nicht die meine ist?

Ein rosafarbener Brief wird eingeworfen, die US-Mail fördert ihn über Förderbänder und Maschinen quer durchs Land, bis er bei einem leicht gequält dreinblickenden Mann landet, der im Trainingsanzug in einem gediegenen Haus sitzt und offenbar nichts zu tun hat. Bill Murray ist Don, der „Star” in Jim Jarmuschs Broken Flowers. Selten ist ein Protagonist, der in fast jeder Einstellung des Films zu sehen ist, allerdings mit so wenig Worten ausgekommen. Sein agi­ler Nachbar bringt Don dazu, dem Inhalt des Briefes nach­zugehen: der enthielt die anonym verfasste Nachricht, dass er, heute ein „abgehalfterter Don Juan“, vor 20 Jahren einen Sohn gezeugt habe, der nun nach seinem Vater frage. Don macht sich also auf die von seinem Nachbarn und Freund minutiös vorbereitete Reise, um einige Ex-Freundin­nen und potenzielle Mütter aufzusuchen (gespielt von Sharon Stone, Jessica Lange und Tilda Swinton). Mit diesen Frauen hat er sehr unterschiedliche Begegnungen. Sie gipfeln im längsten Statement Dons, der Erkenntnis, dass die Vergan­genheit vergangen sei, die Zukunft hingegen noch nicht da und nur das Hier und Jetzt zähle. Mit dieser eher banalen Einsicht bleibt für Don alles so offen wie für uns, die wir mit diesem Film überhaupt weniger ein Ergebnis feststellen können als mit einer Verhaltensstudie konfrontiert sind. Eine Erkenntnis daraus könnte sein, dass es wenig Auswege aus der verborgenen Agenda gibt, die uns das Schicksal in die Wiege legt. Wer wie Don auf sei­nem Lebensweg dann noch Entscheidendes versäumt, muss mit den Konsequenzen leben. Die Distanz zur Kino­leinwand macht auch noch diese vergebliche Reise zum Vernügen.

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