FILMTIPP #88: LIEBLINGSFILME. DIE SERIE „VOIR. DIE FILMKUNST IN DER MODERNE“ VON UND AUF NETFLIX.

Foto: Verleih

Wer Filme mag, hat immer auch spezielle Lieblinge. Oft stammen Filme, die man be­son­ders mag und “sein Leben lang” nicht vergisst, aus einer Zeit, als das Kino noch neu für einen war oder man erstmals ein paar Stunden der Woche vor dem Fern­seher verbringen durfte: mit 11, 13 oder 16.

Sasha Stone war 10, als sie zusammen mit ihrer Schwester von der Hippie-Mutter vor einem Kino abgeladen wurde, mit Geld für Tickets und (selten) Popcorn. Man schrieb das Jahr 1975; der Ort war das San Fernando-Val­ley nahe Los Angeles, und der Film natürlich Jaws, zu deutsch Der weiße Hai. Geschätzte 40 Mal hat Sasha Stone Jaws damals ge­se­hen, weil es mög­lich war, von der ersten bis zur letzten Vorstellung zu bleiben, während die Mutter laut Sashas Erinnerung mit dem neuesten Mann in ihrem Le­ben be­schäf­tigt war. Wie die Erwachsene davon erzählt und wie das tiefsitzende Pri­mär­er­leb­en von der Netflix-Serie ins Bild gesetzt wird – das prägte Generationen.

Die Mischung aus nachgestellten Bildern – die Mutter und ihr türkisfarbener VW-Kä­fer, die Si­tua­tion mit dem jungen Angestellten in Uniform an der Kasse, das vom Wi­der­schein der Leinwand erhellte Dunkel, zwei Mäd­chen mit offenen Mündern – und originalen Jaws-Ausschnitten mitsamt dem phan­ta­s­tisch schrillen John-Williams-Score stellt auf das Erleben ab, wie es jede/r nur einmal im Leben (oder eben einen Som­mer lang) gehabt haben dürfte. Wird die These der Primärprägung bestätigt, lässt das wohl auch den Schluss zu, dass sich bei jedem Wiedersehen mit einem filmischen Liebling ein Teil der einst so starken Gefühle aufs Neue einstellt.

Auf dieses Prinzip baut die Serie Voir auf: Menschen, die Filme herstel­len oder über Filme schreiben, denken über ein Objekt ihrer besonderen Zuneigung nach. Den ältesten Film hat der Kritiker Drew McWeeny ausgegraben. Doch er hat ein Problem: Er mag den Cha­rak­ter T.E. Law­rence nicht, obwohl er Law­ren­ce of Arabia (1962) liebt. Mc­Wee­ny führt viele Argu­mente zu seiner Ver­tei­di­gung, ja des Lobes auf; aber erst ein Schnitt auf ein Law­rence-Zitat in Full Metall Jacket lässt den Gedanken zu, dass jene Film­lie­be nicht trotz, son­dern wegen des Unholds ent­standen ist. Dies einge­stan­den, eröffnet sich eine lange Reihe ähnlich faszi­nierender Un­sym­pathen. Voll von ihnen ist unter anderem das Universum des Martin Scorsese: Travis Bick­le in Taxi Dri­ver, Jake LaMotta in Raging Bull, Robert Pupkin in King of Come­dy, die Mob­ster in Casino zu ergänzen Jordan Belfort in The Wolf of Wall Street.

Einen Unhold im moralischen Sinn hält auch Tony Zhou mit Lady Ven­gean­ce (2005) von Park Chan-Wook bereit (über das eigenartige Ge­rech­tig­keits­verständnis südkoreanischer Filme s. Filmtipp 85). An Tony Zhous Einlassung fällt auf, wie sehr der Vater des erklärenden Film­essays (man sehe seine herausragende Reihe Every frame a Painting) hier bemüht ist, jeden ver­meint­lichen Stein des An­stoßes zu mei­den, etwa in dem Hin­weis, brutale Gewalt finde bei Park Chan-Wook stets außerhalb des Rahmens statt, im filmischen Off. Tony Zhou hat in der klei­nen, aber innovativen Gat­tung Filmerklärender Film mit die eindrück­lichsten Belege geliefert, unter ande­rem zu Buster Keaton, Edgar Wright oder zur au­ßer­ge­wöhn­lichen Qua­lität der Kamerarbeit bei David Fincher, der bei Voir als Co-Produ­zent auf­ge­führt wird. Und doch zeigt sich hier einmal mehr, dass es leich­ter ist, über Story und ver­meintliche Botschaft von Filmen zu befin­den als über die formale Gestaltung und damit am Ende über künstlerische Qualität.

Einige Schritte ins fast unergründliche Reich der Ästhetik führt der Beitrag des Animators Glen Keane: Die Dualität der Attraktivität spricht über Appeal und Harmonie, die jede Couleur von Charakteren attrak­tiv machten, selbst die Bösen: auch sie müssen verkauft werden, und zwar immer nach Ziel­grup­pe. Man er­fährt an dieser Stelle viel über das Handwerk und die Psy­cho­lo­gie des Ani­ma­tionsfilms. Und doch ist ein Tunnelblick der Be­rufs­grup­pe zu be­merken: Die Gestaltgesetze sind ein alter, wenn auch immer pas­sen­der Hut. Schönheit hingegen, so lehrt es jeder Kontakt mit ihr, macht nur etwa ein Drit­tel der ästhetischen Erfahrung aus; die größere Glaubwür­digkeit kommt von der mora­li­schen Botschaft, die sich aus einer Story herauslesen lässt.

Einen gewissen Zwiespalt offenbart der Beitrag von Daylor Ramos, dem Part­ner von Tony Zhou bei Every frame a Painting. Er hat sich zur Aufgabe ge­macht, die derzeit so populäre Serie gegen den Film bzw. das Kino zu ver­teidigen, eine schwierige Mission, weil sich für beides per se genügend Argu­mente finden lassen, die der anderen Seite nicht widersprechen. Das Dilem­ma liegt an Plattformen wie Netflix selbst, die einerseits die Institution Kino ge­fähr­den, andererseits auch wieder unterstüt­zen, wenn sie es “erklären”: Die Verantwortlichen der bespro­chenen Serie waren so frei, das Ganze “A Col­lec­tion of Visual Essays – For the Love of Cinema” zu untertiteln.

Von einem weiteren Highlight der Serie gilt es zu berichten. Der Autor und Pro­duzent Walter Chaw hat sich um 48HRS. (Walter Hill, 1982) gekümmert, jenem Buddy-Movie, in dem Nick Nolte als gutmütiger, doch auch unge­stü­mer und chole­rischer Cop agierte, der Debütant Eddie Murphy hingegen sei­nen Auf­stieg zum schwarzen Su­per­star begann. Chaws Lesart geht weit über den Film hinaus, indem sie sich auf Murphys Figur konzentriert: Reg­gies zo­tige, immer coole Sprüche reihen sich danach auf zu einer “Konversation über Ras­se und Identität” im seinerzeitigen Ame­rika; dazu nennt Chaw weni­ge Vorgän­ger und zahllose Nachfolger dieses interracial buddy mo­vie. Es ist eine symptomatische Lesart – die Methode, die einst Siegfried Kracauer kul­ti­viert hat, hier demonstriert an einem Film, der die große Qualität jedes ge­lunge­nen Hollywoodfilms auf ein Begriffspaar bringt: Profane and Profound.

Man darf sich auf weitere Folgen freuen, auch wenn die Serie im Ganzen noch nicht wirk­lich einen roten Faden, ein erkennbares Konzept auf­weist. Was hoff­nungsvoll stimmt, ist der allein Versuch, etwas für das Ver­ständ­nis von Filmen (und ein wenig des Kinos selbst) zu unternehmen. Große Strea­ming-Platt­for­men hätten hier echte Verdienste in Aussicht, in Formaten, die es sonst schwer hätten an ein breites Publikum zu kommen. Hier noch ein Hin­weis auf einen Langfilm, der genau das ver­sucht: Memory – The Ori­gins of Alien/Über die Entstehung von Alien (Alexandre O. Philip­pe, USA 2019) nimmt sich einen weiteren Schlüsselfilm der Spätmoderne vor, und daraus wiederum eine Schlüsselstelle, die soge­nannte chestburster scene, als das Alien als Hor­rorgeburt aus der Brust des Astro­nau­ten Kane heraus­bricht. Bisher hat man das Artwork von Alien vor allem mit dem Schwei­zer Illu­stra­tor HR Giger assoziiert, der einen Roman des Kultautors H.P. Love­craft in sei­ne eigen­ar­ti­ge Bildsprache übersetzt hatte und dann auch am Film mit­ar­beitete. Memo­ry gibt eine elektrisierenden Hinweis auf einen echten Meister, der wohl nie ei­nen Screen credit be­ansprucht hat: auf den Maler Francis Ba­con. Das ist so­wohl als Entdeckung wie auch in seiner Wirkung eine Sensation.

 

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