FILMTIPP #89: WANDA – MEIN WUNDER VON BETTINA OBERLI (CH 2020) UND PARALLELE MÜTTER VON PEDRO ALMÓDOVAR (ESP 2021). LETZERER AB MÄRZ IM KINO.

Foto: Screenshot

Ein Baby kommt zur Welt, und manchmal ist daran etwas falsch. Im Fall von Wanda – mein Wunder (Bettina Oberli, Ch 2020) ist es die Kindsmutter, Wanda aus Polen. Wanda ist eigentlich bei der wohlhabenden Familie Weg­mei­ster-Gloor an­ge­stellt, um den bettlägerigen Fir­men­chef und Familien­va­ter Josef zu pflegen. Der hat, trotz Frustration und Alter, noch se­xuelle Be­dürf­nisse. So kommt es, dass Wanda den ausgehandelten Min­dest­lohn ein paar Mal um einen Tau­sen­der auf­bessert, indem sie sich Josef zur Ver­fü­gung stellt. Mit ihrer alten pol­ni­schen und – gegen zahlreiche Widerstände – auch ihrer neuen schweizer Fami­lie wird sie die Fol­gen der Schwangerschaft bis zum letzten Story-Turn austragen. Diese Fol­gen sind grotesk bis hane­büchen und nur für uns lustig. Nichts bleibt, wie es war.

Zwei Kinder kommen zur Welt. Auch daran ist etwas falsch. Eines der beiden Babys stirbt an plötzlichem Kindstod. Das andere wächst in der Obhut von Janis (Penélope Cruz) heran, der jedoch dämmert, dass auch hier etwas nicht stimmt: Ein Gentest macht klar, dass die 17-jährige Ana (Milena Smit) die biolo­gi­sche Mut­ter des Mäd­chens ist, die Bekannte aus der Phase der Geburt, die Ja­nis’ Kind verloren hat. Im Krankenhaus wurden die Babys vertauscht. Die An­nä­he­rung der zwei Frauen bildet den Erzählbogen des Films, obwohl die Vor­aus­set­zungen kaum unterschiedlicher sein könnte: Ana wurde von ein paar Jungs zum Sex gezwun­gen und hat auch sonst kaum Halt im Leben; doch sie kämpft. Janis hin­ge­gen ist als Fotografin erfolgreich, sie kommt gut klar. Schwanger wurde sie durch eine Af­färe mit ei­nem forensischen Anthropologen. Das Kind will sie allein auf­zie­hen. Was eine typische Almódovar-Farce hätte werden können, mit schrillen, sich selbst bis zum Geht­nichtmehr selbstverwirklichenden Frauen, ist tatsächlich eine unge­wohnt ruhige, psy­chologisch feinfühlige Tragödie. Aus dem Zustand Parallele Müt­ter wird langsam und glaubwürdig ein zeitgemäßes Familien-Patchwork.

In Wanda sind die Figuren hingegen klar schematisiert: die Polen sind die Guten, sie zeigen überbordenden Fami­lien­sinn und einen Zusammenhalt, der auch over-the-top gehen kann; dann wird es schon mal bizarr. Doch das ist nichts gegen die schwei­zer Ego-Monster, allen voran Sophie (eindrucksvoll: Birgit Mi­nich­mayer), die Tochter, die mit ihrem Mann keine Kinder haben kann und zeit­weise auf ein Leihmutter-Modell setzt, das sie Wan­da gerne ver­golden würde. Und zwar mit der Zustimmung ihrer Familie – allesamt Typen, die durchaus Kli­schees er­füllen, wie etwa die Mutter, die immer mühsamer die bürgerliche Contenan­ce be­wahrt, oder der Bru­der, der in seinem Leben wenig Zählbares hinbekommt. Auch hier steht das Funktionieren der Familie im Fokus. Und diese funktioniert wie scheinbar in der ganzen Schweiz, wo Konflikte unter dem Teppich schwelen und dort gern auch aus­ge­tre­ten werden, so lange es mög­lich ist, und wo Geld durchaus viele Prob­leme löst. Übri­gens ist der Film gegen alle Ge­wohn­heit nicht im schweizer Dialekt, sondern hochdeutsch gedreht, was seine Botschaft wiederum universell macht.

Auch Parallele Mütter, der Film aus Spanien, hat eine Beziehung zu seinem Land oder genauer, zu seiner Geschichte: Die wie immer beeindruckende Penélope Cruz alias Janis ist von der Idee besessen, in ihrem Heimatdorf die Opfer eines falangi­sti­schen Massa­kers zu exhumieren, zu denen auch ihr Uropa gehörte. Eben da­rum hatte sie anfangs den Anthropologen kontaktiert, der dann der Erzeuger ih­res Kin­des wurde. Dass dieser Wissenschaftler am Ende zum Erfolg der humanistischen Mission und auch zum bemüht wir­ken­den, familialen Happy-End beiträgt, zeigt nebenbei, wie uneingelöst derartige Formen der Erinnerungsarbeit für die spani­sche Demokratie noch immer sind. Damit wird dem Film eine Bürde auf­erlegt, unter der er ein wenig ächzt. Eher überzeugen die alltäglichen Verwir­run­gen und die Versuche der Handelnden, damit zurecht zu kommen.

In all ihrer Unterschiedlichkeit lässt sich für beide Filme ein gemeinsames Fazit zie­hen. Ich ziehe dafür Gedanken und Worte des Mediävisten Erich Auer­bach aus seinem großen Buch Mimesis (d.i. die Widerspiegelung geschichtlicher Ereig­nis­se in Wort und Bild) heran. In modernen Erzählungen be­träfen die dar­ge­stellten Zu­falls­momente des Lebens das Gemeinsame der Men­schen über­haupt: “Unter­halb der Kämpfe und auch durch sie vollzieht sich ein wirtschaft­li­cher und kul­tu­reller Aus­gleichsprozess; es ist noch ein langer Weg bis zu einem ge­mein­sa­men Leben der Menschen auf der Erde, doch das Ziel beginnt sichtbar zu werden.”

 

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