Filmtipps

FILMTIPP #46: JO-JO RABBIT VON TAIKA WAITITI (USA 2019).

Bildquelle: youtube.com

Heute schreibe ich über Kinderertüchtigungsfilme. Das sind we­ni­ger Filme für die Allerkleinsten, die bekanntlich eigene Auf­merk­sam­keits­spannen haben und kurz & epi­sodisch wahrnehmen. Es geht um Filme, die auch für Sechs- bis Zwölfjährige interes­sant sind. Vor allem geht es um Fil­me, die von Erwachsenen gemacht sind und von Erwachse­nen gesehen wer­den, um an der beschriebenen kindlichen Zielgruppe und quasi mit deren Blick ei­nen ver­än­der­ten Blick auf Kinder im Allgemeinen wie im Beson­deren zu entwickeln.

Solche Filme gibt es nicht oft. In ihnen regiert, bildlich gesprochen, nicht mehr der Blick von oben herab, den Kinder von unten herauf be­ant­wor­ten, aus der “Hundeperspektive”, wie sie von der großen Film­kritikerin Frie­da Grafe am Klassiker Ladri di biciclette/Fahr­rad­diebe definiert wur­de. “Was für eine Vaterfigur dagegen ist Chaplin in The Kid”, schrieb Grafe.

Kinderertüchtigungsfilme also. Eine Hoffnung in dieser Richtung war der Western News of the World mit Tom Hanks und Helena Zengel, aus dem Kino gebannt, diese Woche nun bei Netflix angelaufen, viel versprechend und – kein Hit. Elegisch, ohne Spannungsbogen, vorhersehbar. Was für ein Potential verschenkt wurde allein an der deutschstämmigen Jo­hanna: Nach Texas ausgewandert, die Eltern von Indianern massakriert, ge­nau wie die indigenen Zweiteltern von Weißen: nun ist eine white captive, ein span­nen­des Sub­genre in­ner­halb des Western. Statt die Geschichte über Per­spek­tive, Psy­chologie und Wahrnehmung des Mädchens zu er­zäh­len, er­lebt man von ihr vor allem Symp­tome. Helena Zengel darf viel schreien. Am Ende ist immer der gütige Tom Hanks da, der das Kind behütet und beschützt.

Wir von F!F müssen Filme nicht besser machen, als sie sind. Wir müssen auf bessere Filme hinweisen. Moonrise Kingdom (2012) von Wes Anderson et­wa, in dem zwei Zwölfjährige auf einer Insel ausbüchsen, scheu den ersten Kuss versuchen und noch viel mehr Aufregendes passiert; in diesem Film mit sei­ner ei­gen­artigen Perspektive sieht man die Erwachsenen, und das sind hier im­mer­hin Bruce Willis, Frances MacDormand und Tilda Swinton, selbst wie zu groß gewordene Kinder, die immer noch verzweifelt ver­su­chen, dieser Welt eine Ordnung zu geben, die ‘von unten’ ziemlich grotesk erscheint.
Ähnlich, aber noch einmal ausgeprägter, funktioniert Jojo Rabbitt, der vor dem ersten Lockdown bei uns noch im Kino war. Johan­nes “Jo­jo” Betz­ler (Ro­man Griffin Davies) ist ein glühender Hitlerjunge; er hat einen Freund, den nur er alleine sieht und der dem realen Adolf Hitler ver­teu­felt ähnlich ist. Er hat auch einen realen Freund, den klei­nen, dick­lichen Finkel, der Jojos Wandlung durch die Zeiten mitmacht (Alfie Al­len ‘stiehlt’ dabei jede Szene, in der er auftritt). Jojo Rabitt, der seinen Spitz­na­men von einer Mut­probe in der Hitlerjugend hat, bei der er als ‘Hasenfuß’ kläglich ver­sagt, kann sich selbst der Sympathie eines echten Nazioffiziers erfreuen, der am Ende gar sein Leben für Jojo opfert. An Sam Rockwell kann ich mich nicht sattsehen.

Und dann gibt es noch zwei wichtige Frauen in Jojos Leben, die Mutter, die heimlich im Widerstand ist und dies büßen wird (einmal mehr grandios: Scar­lett Johansson), sowie ein jüdisches Mädchen, das die Mutter im Dachstuhl des eigenen Hauses versteckt hält. Zu ihr, Elsa, entwickelt der Junge eigen­ar­tige Gefühle, die er sich anfangs nicht eingesteht, weil sie doch Jüdin ist und, gemäß der Ideologie, der er anhängt, eigentlich auch Hörner haben müsste.

Es ist nicht alles gelungen an Jojo Rabbitt. Was ich mag, ist die un­versehene Kulisse der deutschen Kleinstadt, die in den tschechischen Städtchen Žatec und Úštěk gefunden wurde. Der Film ist großartig ausgestattet. Und dann die hemmungslose Begeiste­rung, mit der Sozialisation und Wandlung des nai­ven Jungen im National­sozialismus als popkulturelle Ini­tiation erzählt werden. Nicht einmal als ge­schichts­bewusster Deutscher zuckt man zusammen ange­sichts der ­eindeu­tigen Rollenvertei­lung, der Dosis an Gro­tes­ke, und fühlt sich doch unwohl, weil einem die gewohn­ten Re­flexe in die Quere kommen.

Nichts funktioniert so gut wie Popmusik, um einen derart subversiven Plan umzu­setzen. Nazitum als Pop-Erzählung: Das Intro des Films ist unterlegt mit “Komm gib mir deine Hand”, als hätten die Beatles für Hitler gesungen; am Ende singt David Bowie von “Helden”: Die waren die Deut­schen selbst nach dem Krieg, wenn auch zerbrochene, zerbröselte. Der An­fang der Pop­mo­der­ne mit den Beatles, der Anfang der Postmoderne mit Bowie, dazwi­schen begeisterte Nazis. Das ist was Neues.

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