Filmtipps

FILMTIPP #31: I AM GRETA VON NATHAN GROSSMANN (SCHWEDEN/DEUTSCHLAND/USA/GB 2020). IM KINO.

Bildquelle: https://apollo-aachen.de/i-am-greta/

Greta Thunberg, zum Zeitpunkt der Aufnahmen 15, später 16 Jahre alt, wirkt wie ein 12-jähriges Mädchen, das im Lauf des Films die Züge einer alten, wei­sen Frau annimmt. Kein Politiker kann neben ihr bestehen; die mittleren Chargen nicht, die sie auf internationalen Veranstaltungen höflich begrüßen und hofieren, schon gar nicht die Mächtigen der Welt von Putin über Bolsonaro bis Trump, die spot­ten und rüpeln, oder der Papst, der wie ein Opa zu ihr spricht. In der Summe sehen alle aus wie rat­lose wei­ße Män­ner, die diese Welt zu lang alleine regiert haben.

Der Film I am Greta nimmt der realen Greta Thunberg gleichzeitig den Nimbus der Heils­gestalt, der jugendlichen Weltretterin. Er zeigt sie zum großen Teil im Kreis ihrer Familie, das heißt in der Hauptsache in Gesellschaft ihres Vaters, der Greta zu coa­chen versucht, dabei nicht immer überzeugend wirkt und auch sei­ne Tochter nicht immer überzeugt. Eine sprechende Episode ist eine große Demon­stration, während der Greta sich zu essen weigert, der Vater sie aber dazu nötigt; am Ende sieht man Greta missmutig an einer Banane knabbern. Weniger Raum nimmt die Mut­ter ein, gar nicht gezeigt wird die eine Schwester, die es gibt. Dafür sind zahl­reiche Umar­mun­gen, Streicheleinheiten oder auch Wünsche nach mehr Kon­takt zu Haus­tie­ren zu sehen, Hunden und Pferden, den einzigen Lebewesen, zu denen Greta aktiv kör­per­lichen und emotionalen Kontakt sucht.

Wir sehen also auf ein Kind, eingangs unterstrichen durch auffällig ins Bild gesetz­te Plüschtiere in Gretas Zimmer; wir sehen ein Kind, das gern tanzt, allein und für sich. Soweit gibt Greta Thunberg das Bild eines normalen Kin­des ab, al­lerdings eben drei bis vier Jahre jünger als sie tatsächlich ist. Diese ‚falsche’ Er­schei­nung der Jugendlichen scheint in einer Wachstumsstörung begründet; Greta hatte in jüngeren Jahren zeitweise die Aufnahme von Nahrung verweigert, worauf Vater und Mutter mahnend hinweisen. Ihr allgemein bekanntes Handicap, das Asperger-Syndrom, wird hingegen frontal von Vertretern der Medien the­matisiert.

Die kindliche Erscheinung Gretas harmoniert in bemerkenswerter Weise mit der Über­zeu­gungs­kraft ihrer öffentlichen Rede. Die Jugendliche verfügt über eine bei­spiellose Gabe zur Klar­heit. Sie spricht kurz, ausschließlich zur Sache des Klima­wandels, oft emotional. Diese authentisch wirkenden Auftritte kolli­dieren nicht mit dem ‚Kind’, im Ge­genteil – im Sprichwort tut Kindermund die Wahr­heit kund. So wirkt die Kom­bination von Erscheinung & Reife nicht zufällig. Wie ne­ben­bei stellt sich diese folgenreiche Erkenntnis ein, als eine sehr jun­ge Greta hoch­kon­zen­triert eine lange Rei­he chemischer Elemente herunter­rattert.

Stellt der Film Greta in neuer, überraschender Weise dar? Dagegen opponiert der Argwohn, dass es sich quasi um eine Auftragsproduktion des Vaters handelt. Gre­ta war Kameras und Gefilmtwerden von Beginn an gewohnt; nun gewährt sie Ein­blicke in nahe, fast zu private Mo­mente. Dass ein ‚Kind‘ mit langen Zöp­fen der Schu­le fernbleibt und vor dem Parlament für die Umwelt streikt, ist per se schon eine Nach­richt fürs Fern­sehen. Die Idee (des Vaters) liegt nahe, einen be­freun­deten Pro­fi zu bit­ten, das Ganze auf­zu­nehmen, um zu sehen, was daraus werde. Die me­dia­le Lawi­ne, die im super­heißen Som­mer 2018 ab­ging, konnten Ein­zel­ne dann aber nicht mehr steuern. ‚Greta als Film‘ ist daher zuallererst das Protokoll eines Pop-Phä­no­mens, das sich innerhalb eines Jahres entfaltete und dem Vergleich zu den Hypes um die Beat­les oder den frühen Michael Jackson durchaus standhält. Aller­dings ist das Re­ferenz­phä­nomen ein fundamental anderes; es geht hier nicht um role mo­dels für Kinder und Ju­gend­liche, sondern um das globale Problem des Ressourcenverbrauchs.

Dass Greta Thunberg zu dem Medienhype um sie herum oft eine Miene macht wie eine gefolterte Squaw, ist wohl weniger den Anforderungen des Ram­pen­lichts geschul­det als der Erkenntnis, dass die Mächtigen der Welt ihr Tun und die FFF-Bewegung zur Kenntnis nehmen, aber nicht schnell und massiv genug gegen­steuern. So geistert eine Maske durch diesen Film, hinter der sich ein verletztes Wesen versteckt. Einmal bricht diese Maske auf. Greta zeigt ein Ge­fühl, das man vor ihr bis dato nicht kannte: die Angst, die man spürt, als ihr be­wusst wird, auf was sie sich mit dem Segelturn über den At­lantik eingelassen hat, um resourcen­schonend zum UN-Klimagipfel zu rei­sen. Kritiker haben an die­sem Trip eine negative Öko-Bilanz aufgemacht. Was sie nicht eingerechnet ha­ben: Große Politik besteht heute mindestens zur Hälfte aus symbolischen Gesten. Genau sie, im Grunde nur sie, erzielen Wirkung beim Wahlvolk. Der Film I am Greta zeigt die Backstory der erfolgreichsten öffentlichen Gesten der jüngsten Vergangenheit.

 

 

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