FILMTIPP #30: DIE GETRIEBENEN VON STEPHAN WAGNER (D 2020). AUF NETLIX.

Bildquelle: netflix.com

Re-enactment, das Nachstellen von Ereignisse wie etwa einer historischen Schlacht, ist zu einem Freizeitvergnügen geworden, an dem in normalen Zeiten Tausende teil­neh­men. Auch das Fernsehen pflegt Re-e­nac­t­ment: mal de­tail­getreu, mal ausschmückfreudig wie alte Hollywoodfilme. Wonach bemisst sich der Grad an hi­sto­rischer Treue, den wir nun als Publikum zu akzeptieren, sowie an Glauben, den wir zu in­ve­stie­ren be­reit sind? Wohl eher nicht am De­tail, selbst wenn größter Wert auf historische Treue gelegt wird. Authentische Wirkung eines Films scheint ein durchaus subjektiv bemessener Faktor zu sein.

Es geht wohl zuerst um Wahrheiten, die man als Publikum glauben will, weil sie ins aktuelle und, noch mehr, in das eigene Welt­bild passen. Vergangenheit sieht man gerne so, wie sie von jetzt aus und auf Dauer plausibel wird. In einem großen Projekt habe ich diese menschlichen Mechanismen an einem einzigen Film zu erklären versucht, einem Haupt­werk des italie­nischen Realismus, Paisà von Roberto Rossellini (Italien 1946). Italien war sich nach dem Zweiten Weltkrieg unklar darüber, ob es nach der gescheiterten Achse mit Hit­ler­deut­schlands am Ende verloren hatte oder durch die Resi­sten­za doch zu den Siegern zählte, denn vieler­orts hatten Einzelne zur Be­freiung von den nazi­fas­ci­sti beigetragen. Rossellini beschrieb diesen Zwiespalt in sechs Epi­soden im­mer wieder am gleichen Moment, einer ersten Begegnung von Italienern und Amerikanern. Die Be­frei­ung dauerte 18 Mona­te, so sich jener „endlose Moment“ an sechs Orten wiederholte und so die raumzeitlich geordnete Land­karte eines geeinten Landes abbildete. Ge­klei­det in die Form einer monumentalen Wochen­schau, wech­seln die einzelnen Geschichte stets rasch vom All­ge­meinen ins Private. Paisà ist eine Filmreise von der Nacht in den Tag, von der Un­möglichkeit jeg­li­cher Kommunikation zu großer Klarheit. Und doch landete Rossellini, der so ziemlich alles für den ge­treuen Abdruck der Realität getan hatte, in seinem Bild vom einigen Vaterland – beim Mythos.

Die Gefahr des Mythos droht am Ende, vielleicht nach unserer Zeit, auch einem Fernsehfilm, der in diesem Jahr im Wettbewerb um den Deutschen Fernsehpreis dabei ist, das Drama Die Ge­triebe­nen (RBB/NDR) von Stephan Wagner. Es be­han­delt im Kern jene zwei Monate des Som­mers 2015, in denen Hunderttausende Flücht­linge nach Deutschland kamen. Der Titel meint in zweiter Bedeutung noch einmal anders Getriebene, Politiker näm­lich, die federführend an der Ent­schei­dung, die Gren­zen zu öffnen, beteiligt waren. Im Mittelpunkt stehen Angela Merkel und ihr engster Stab, weiter Sigmar Ga­briel als SPD-Koalitionär, Horst Seehofer als Chef Bayerns, Jean-Claude Juncker, Alexis Tsipras, Viktor Orbán und viele weitere Entscheider.

In einem theoretischen Text zum Thema „Was ist heute noch ein Bild?“ habe ich vom nicht not­wen­digen Kriterium Ähnlichkeit für Bilder gesprochen. Das beweist allein schon die abstrakte Kunst. Hin­sicht­lich der Wirkung von Medien, besonders im Kino, ist Ähnlichkeit nützlich, aber nicht hin­rei­chend. Dafür stehen die einzelnen Typen aus Die Getriebenen in großer Variationsbreite.

Imogen Kogge sieht nicht aus wie Angela Merkel, vor allem spricht sie nicht wie sie – und doch wird sie im Verlauf des Films immer mehr zur Kanzlerin. Tristan Seith als Peter Altmaier und Timo Dier­kes als Sigmar Gabriel hingegen sind ad hoc perfekte Abbilder; leider verfällt der Film bei ihnen Klischees wie dem vom ewig essenden Kanzleramtschef und dem machthungrigen Vize­kanz­ler. Weder glaubwürdig noch ähnlich ist Walter Sittler als alerter Darsteller des staats­män­nisch-rechteckigen Frank-Wal­ter Steinmeier; und ähnlich dürftig Rüdiger Vogler als Schäub­le. Wie es anders geht, wie äußere Un­gleich­heit sich in ein stimmiges inneres Bild, ein Bild der Vor­stellung wandeln lässt, beweist Josef Bier­bichler als Seehofer. Leicht gebückt, dauer­ver­är­gert, kör­per­schwer, in Zivil im Ferien­haus im Altmühl­tal – eine grandiose Vor-Stellung für uns, die wir da­ran auch ver­stehen, dass große Politik nie nur strippenziehend aus dem Hintergrund gemacht werden kann.

Sondern im äußersten Einsatz, Tag und Nacht, mehr oder weniger gehetzt von Termin zu Termin. So wird der Film zur Apotheose Merkels, die heute, im Oktober 2020, im letzten Jahr ihrer Kanzler­schaft steht. Der Film ist daher mehr als die Dokumentation der Ereignisse des Sommers 2015, auch kein Dokudrama, wie es dauernd im Fernsehen erscheint. Er wird erst im rhetorischen Modus des Ao­rist verständlich, im Blick zu­rück auf einen Zeit­punkt, von dem aus die nachfolgende Ent­wick­lung bereits bekannt ist und in unsere gegenwärtige Bewertung einfließt. Das macht der Blick auf den damals kalkulierenden Gabriel deutlich, der heute aus der Politik verschwunden ist, ähnlich wie andere unscharf gelas­sene SPD-Gesichter & Namen, die man fast schon wieder vergessen hat.

Die Kanzlerin Angela Merkel so zu verfilmen, sie am Ende so gut zu finden, hätte sich manch kri­tischer Geist vor einiger Zeit noch nicht vorstellen wollen. In Die Getriebenen sehen wir keine von Macht und Machterhaltung Getriebene, sondern eine bedächtige, wohl abwägende Entschei­derin ohne die geringste Machtverliebtheit oder Eitelkeit. Als die Uni Bern die Möglichkeit abfragt, Mer­kel zur Ehrendok­torin zu machen, winkt sie genervt ab, für derartiges sei nun gerade gar keine Zeit.

Mit dieser Haltung weicht sie von allen anderen PolitikerInnen ab, denen der Film zum Teil al­ler­dings auch gar nicht nahe zu kommen versucht. Die entscheidende Abweichung von dem Sach­buch, das dem Film zugrunde liegt, ist nicht das Umgehen mit der Wahrheit, sondern in der Diffe­renz der beiden Medien begründet. Beim Buch vertrauen wir auf die Fakten, die im Fall der Flücht­lingskrise leicht überprüfbar sind. Im Fall des Films vertrauen wir, was die Wir­kung angeht, vor allem un­serer ästhetischen Intuition. In dieser Hinsicht bemühe ich gern die Funktion des Reißver­schlusses: Greift ein Häkchen ins nächste, erleben wir intensiv, der Film flutscht und wir fühlen uns mitge­nommen. Passen die Häkchen nicht ineinander, steigen wir emotional aus dem Geschehen aus.


Als Mitglied der Jury des Deutschen Film und Fernsehpreises 2020, dem Wettbewerb, der von vie­len Sendern beliefert wird und als wichtigster Fernsehpreis des Landes gilt, durfte ich Die Getrie­benen als einen von zwölf nominierten Filmen sichten. Der Regisseur wurde dazu von der Jury in einer Zuschaltung live befragt. Das Interview, alle Filme sowie die gesamte Jurydiskussion zu den Filmen sind ab dem 27. November in der Mediathek von 3sat zu sehen.

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