FILMTIPP #122: UNSERE NÄCHSTE VERANSTALTUNG! ALLES IST GUT VON EVA TROBISCH AM 23.11. UM 19:00 UHR IM ALTEN WBZ, WILHELM LEUSCHNER STRAßE 61.

Gerechte Gewalt? Rembrandt van Rijn im Städel, Frankfurt am Main

Der Erzähler in Jostein Gaarders Roman Der Geschichtenverkäufer hat ein ebenso überbordendes Wissen wie eine lebhafte Phantasie, die er sich bei allen möglichen Gelegenheiten zunutze macht. Er, der auch oft über Filme nachdenkt, hat eine Ein­sicht, die wir in nutzen können, wenn wir über Kinoerleb­nisse und deren Bedeutung für unser Leben nachdenken: “Ich wusste immer den Unterschied zwischen dem, was ich wirklich sah, und dem, was ich angeblich ge­se­hen hatte. Trotzdem kann es im Lauf der Zeit schwierig wer­den, zwischen wirk­lichen Ereignissen und erdichteten Erlebnissen zu unter­scheiden. Meine Gedächt­nis besitzt keine getrenn­ten Kammern für Dinge, die ich gesehen und gehört habe, Dinge, die mir einbilde.”

Ein stiller, sehr genauer Film zu einem brisanten Thema und der Beitrag von F!F zum Orange Day. Sexuelle Gewalt ist in Mainstreamfilmen als Sujet ja leider ziem­lich beliebt. Unter dem Deckmantel der gerechten Sache wird es gerne mit Gegen­gewalt und einer anscheinend mehr als angebrachten Rache verhandelt. Ich habe mir zu beispielsweise I Spit on your Grave (Steven R. Monroe, USA 2010) die gan­ze Akte bei der FSK angesehen, denn dieser Film ist das Schlimmste, was mir in der Rache-Frage bekannt ist. Eine junge, attraktive Schriftstellerin zieht sich al­lein in ein einsames Haus in Louisana zurück, um an einem Roman zu ar­bei­ten. An einer Tankstelle ihre künftigen Peiniger, vier jun­ge Män­ner, die sie bald darauf aufsuchen und der Reihe nach vergewaltigen. Die junge Frau kann, schwerst mit­ge­nommen, schließlich durch den Sprung von einer Brücke in einen Fluss ent­kom­men. Wenig später gibt es Anzeichen, dass sie noch lebt. Die Frau nimmt nun grau­sa­me tödliche Rache an einem nach dem anderen Täter, und zwar immer in etwa mit der Form der Qual, die zuvor die Männer an ihr ausgeübt hatten.

Die FSK-Akte ist entsprechend dick und bietet selbst so etwas wie ein Schlacht­feld. Der Film wur­de zu­nächst indiziert, also gesetzlich verboten. Die FSK schick­te das Machwerk ganze sie­ben Mal zurück zum deutschen Verleih, ehe eine um 14 Mi­nu­ten gekürzte Fassung endlich die gewünschte Frei­ga­be ab 18 Jahren erhielt.

Rache ist ja überhaupt ein großes Thema in amerikanischen Filmen, angefangen bei zahlreichen Western über das New Hollywood, das mit Rachephantasien auf doe geographisch weit entfernte, im Bewusststein der Amerikaner aber wohl stets präsente Gewalterfahrung im vietnamesischen Dschungel reagierte. Großen Erfolg hatten dann ab 2014 die John Wick-Filme mit Keanu Reeves. You killed my dog. I’ll kill you. Ist die Kränkung nur groß genug, scheint die Botschaft dabei, kann man in den Vereinigten Staaten getrost zur Waffe greifen. Einen intellektuellen Stolper­stein zu dieser Frage hatte immerhin Jodie Foster mit The Brave One (Neil Jordan, 2007) geliefert, in dem der Verlobte einer jungen Frau, ein pakistanisch-stämmiger Arzt, von ein Gruppe aggressiver Männer im Central Park erschlagen, die Frau selbst schwer verletzt wird. Ihre äußeren Wunden heilen; doch heimlich wird sie zu dem Racheengel, über den sie in ihrem Job als Radiomoderatorin öffentlich nachdenkt und mit ihrer Hörerschaft diskutiert. Wird sie auch für uns zur Tapferen, zur Gerechten, wie der Titel des Films suggeriert?

Fast hätten wir bei F!F Promising Young Woman (2020) gezeigt, dessen Botschaft all­gemein eben­falls weitgehend auf Verständnis und Beifall stieß, der auch höchst ambi­va­lent ausgeht. Beim Thema Rape & Revenge gibt es gröbere Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Dennoch ist die Antwort auf unsere Frage nicht schwer, wenn man den Fokus von der Legitimation jedweder Rache auf ein ande­re Sicht wen­det: Denn auch die gerechtfertigste Rache, gerade sie, schafft im Kino den Vo­yeur, der sich am Zu-Sehenden ergötzt. Ein anderen Vor­schlag macht Jan­ne in Alles ist gut. Hier, im Kino, ist alles höchstens gut für uns; in diesem klei­nen, wichtigen Film nimmt die Frau alle Schmerzen und die nicht heil­baren Wun­den auf sich. Sie lässt uns nur an einer unsichtbaren Qual teilhaben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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