FILMTIPP #83: VOM SCHÖNEN. LIEBER THOMAS VON ANDREAS KLEINERT (D 2021). DERZEIT IM KINO.

Foto: F!F

Dieser Tage ist Marie Versini gestorben, die einst Nscho-Tschi spielte, die “kleine Schwester” von Winnetou in den Reinl-Filmen der 60er Jah­re. Den Tod des Hel­den in Winnetou 3 (1965) habe ich seinerzeit als tragisch und erschüt­ternd er­lebt; Nscho-Tschi hinge­gen, die etwas früher in der Trilogie – und ebenfalls durch den Schuft Santer – zu To­de kommt und vor allem von Old Shatterhand liebevoll betrauert wird, blieb für mich noch einige Zeit die schönste Frau der Welt. Heute sehe ich das anders, auch deshalb, weil Versini Französin war und als “Rot­haut” in jenem Modus auftrat, der heute als Whitewashing verpönt ist.

Das oben gezeigte Gedicht von Thomas Brasch, das mir in seiner westdeut­schen Publikation 1980 vor Augen kam, finde ich dagegen immer noch “schön”. Der Dichter Brasch, geboren als Sohn jüdischer Emigranten im engli­schen Exil und aufgewachsen in der DDR, wo es sein Vater bis zum stellvertre­tenden Mi­ni­ster für Kultur brachte, war wohl kein besonders angenehmer Zeitgenosse, dafür aber ein mu­ti­ger. Dazu braucht man nur die kurze Rede anzusehen, die er anlässlich der Ver­leihung des Bayrischen Filmpreises 1981 neben dem Mi­ni­ster­prä­sidenten F.J. Strauß stehend hielt: Trotzig den “Widerspruch aushaltend”, das Geld von einem Sy­stem zu nehmen, das man eigentlich abschaffen wolle. Strauß reagierte ad hoc noch gelassen, die Bayrische Staatssouveränität hingegen tanzte im Dreieck.

Lieber Thomas, das Biopic über Thomas Brasch, ist ein “schöner” Film, weil er uns das Gefallen tut, das Leben des Mannes nicht zu beschönigen. Drogen, Krieg mit dem Vater und dem System, immerhin mehr Liebe als Hass zur Mutter und zu den diversen Freundinnen, all das bringt Albrecht Schuch gewohnt überzeugend zur Darbietung. Lieber Thomas ist kein großer, aber ein wichtiger Film. Wichtig, weil er einen verstehen lässt, dass ein Künstler mit eben den Mitteln auf die Fragen der mensch­lichen Existenz zu antworten hat, die er beherrscht. Bei Brasch war das die Spra­che (nicht das Leben), im Fall des Biopics über den rebellischen Dichter sind das die Bilder & Sounds eines Kinofilms in Schwarz-Weiß aus dem Jahr 2021, 45 Jahre nach der Zwangs­aussiedlung Braschs und 20 Jahre nach seinem frühen Tod.

Mit dem Schönen ist es nun eine spezielle Sache. Um eine Diskussion darüber im Keim zu beenden, wird oft der Gemeinplatz von der Schönheit zitiert, die al­lei­ne im Auge des Betrachters liege. Der Satz ist bequem und führt in die Irre. Der “Dienst an der Schönheit” wird nur zu etwa einem Drittel vom Auge ver­rich­tet, und hier kann man sehr wohl “schöne” von “hässlichen” Sinneseindrücken un­ter­scheiden. Die Bilder, die uns Winnetou und Old Shatterhand und Nscho-Tschi näher gebracht haben, sind ohne Zweifel vorderhand als schön zu be­zeich­nen: Wohl ge­wach­sene, fertige Menschen mit harmonischen Gesichtszügen, prak­tisch und doch schmuckvoll ge­klei­det, eingebunden in athmosphärisch anspre­chen­de Formen und Landschaften. Dies ist auch die Schönheit, die Kindern gefällt.

Die beiden anderen Drittel der Schönheit liegen verborgener. Ästhetik als ei­gen­stän­dige Disziplin gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert, und es ist nicht zu ver­ken­nen, dass es zuvor nur eine normative Schönheit gab, definiert von der Kir­che, später von Fürsten und Kunstmäzenen. Erst die Aufklärung kann diesen haut gout hinter sich lassen, Schillers Begehr “nach Gedankenfreiheit, Sire!” ge­hört hier­her. Die englischen Sensualisten hatten bereits vorher den berüchtigten Satz beauty lies in the eyes of the beholder geprägt und damit die Autonomie des wahrnehmen­den Subjekts begründet, aber auch einen Nachsatz, der nicht minder zu gelten hat, den vom mo­ral sense of beauty: Schönheit halbwegs ernst ge­nommen sei immer ver­bun­den mit einer ethischen und moralischen Hal­tung, die nicht zuletzt das Ver­hält­nis des Einzelnen zu allen Anderen regelt, also notwendig eine soziale oder sogar staat­lich-erzieherische Dimension mit sich führt.

So wird auch der Rebell Brasch verständlicher: Weil mit keinem der beiden deutschen Systeme im mindesten einverstanden, musste er hier wie dort ein wüstes Leben mit vielerlei Aus­schwei­fungen leben, einem einzigen, oft schmerzhaften Protest gegen Obrig­keiten, die sich bis dato unbekannt restriktiv der Sinnlichkeit, einer mit allen Sinnen und einem wachen Geist gelebten Existenz verschlossen. Im We­sten be­gann einer klei­ner Teil der Jungen, die sogenannte Studenten­be­wegung, diesen Miss­stand zu beenden; auch ihr konnte sich Brasch nicht anschließen. Als Dis­si­dent war er ebenso wenig zu gebrauchen. Mit diesem Film bleibt er immerhin ein geliebter verlorener Sohn.

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