FILMTIPP #84: LINA WERTMÜLLER (1928-2021)

Bomarzo, wie für den Film gebaut. Foto: Rosita Meßmer

Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg von Braucich-Job ist dieser Tage in ihrem vierundneunzigsten Lebensjahr in Rom gestorben. Kurzer Check bei Amazon prime: dort gibt es einen Film von Lina Wertmüller zu sehen, Film d’amore e d’anarchia/Liebe und Anarchie von 1973, der hier allerdings als aus dem Jahr 2017 stammend geführt wird. Netflix zeigt nicht viel mehr Ahnung: Ohne Aufpreis zu sehen gibt es da nur einen frühen Fern­sehfilm der Wert­müller mit Rita Pavone in der Titelrolle. Selbst beim nicht­kom­mer­ziellen Streamingdienst MUBI ist die Situa­tion nicht besser. Das verwundert, denn Frau Wertmüller könnte mit ihren Themen durchaus ein Geheimtipp für private Film­abende mit einer gewissen Exzentrik sein.

Ihre Stilmittel, das versinnbildlicht schon der Name der italieni­schen Regis­seurin (die keine mediterrane Italienerin war, sondern sich dem mitteleuro­pä­isch kultivierten k.u.k.-Regime zugehörig fühlte), waren Persiflage, Übertrei­bung und Exzess. Das wird wiederum deutlich an Film­titeln wie Sotto… sotto… strapazzato da anomale passione (1984), lange mei­n Lieblingsfilm der Wert­müller, vor allem wegen seiner Schauplätze: selten hat man Rom so nor­mal gesehen, das mythische Rom der kleinen Leu­te wie des Tischlers Oscar, dessen Frau sich verliebt hat – in wen, will sie erst einmal nicht sagen. Oscar rast vor Eifersucht (und Sorge vor dem Alleinsein), wie es sich gehört; über die Maßen tickt er aber erst aus, als er erfährt, dass er von einer Frau “die Hörner aufgesetzt” bekommt. Die neue Liebe und das Thema der les­bi­schen Liebe begannen im legendären Park von Bo­marzo, der Villa dei Mostri, und man muss Lina Wertmüller allein dafür dank­bar sein, dass und wie sie diesen ver­zauberten Ort auf die Karte der Welt­ki­nema­to­graphie gehoben hat.

Dass es Männer und Frauen nur unter Reibung und in der Regel großem Geschrei miteinander aushalten, ist in allen Filmen der Wertmüller der Chip, der das Geschehen zum Laufen bringt. Für uns Deutsche besonders interes­sant war Pasqualino Settebellezze (1975), die Le­bensreise eines kleinen na­politanischen Gangsters, der andauernd einen Platz im System sucht. Auf sei­ner Lebensreise, die im Faschismus beginnt, landet Pas­qua­lino schließ­lich in einem KZ. Dort bekommt er es mit einer sehr, sehr dicken SS-Auf­seherin zu tun, und sie versucht er mit all seinem schmierigen Gigolo-Schmalz tat­säch­lich zu verfüh­ren. Giannicarlo Giannini ist hier ganz in seinem Element, er, der fast alle Männer und damit immer den gleichen Mann bei Wertmüller gespielt hat – den wachsweichen Macho mit den treuen Hundeaugen. Solche Wider­sprüche gilt es bei Wertmüller aus­zuhalten.

Das wiederum zeigt das Paar Giannini und Mariangela Melato in Travolti da un In­so­lito Destino nell Azzuro Mare d’Agosto (1974), der auf Englisch schlicht Swept Away hieß. Weggeschwemmt werden eine Dame aus der mai­länder Schickeria, die mit ihren Freunden auf einer Luxusyacht eingeführt wird, und ihr Angestellter, ein Matrose – weggeschwemmt auf eine einsame Insel, wo sich die Machtverhältnisse umgekehren. Denn der Matrose ist Si­zilianer und Kommunist und fühlt sich zum Rächer all des Unrechts berufen, das sei­ner Klasse durch die Herrschenden widerfahren sei, während die Diva ihr Un­terworfenwerden, nach anfänglichen Kämpfen, offensichtlich genießt.

Das schließt die sexuelle Ebene ein; schwer auszuhalten ist dabei vor allem, wie auch in Pasqualino, dass die Wertmüller immer zur Form der Groteske greift, so ernst ein Geschehen auch daherkommt, nie die eine Sicht der Din­ge gegen die andere ausspielt, sondern selbst die Dialektik, die heilige Kuh der philosophischen Neuzeit, ins Lächerliche zieht. Was wiederum der Anlass sein könnte für einen schönen F!F-Abend zum Beispiel mit Swept Away; hier könnte man den Film mit Lust – und Lust zum Widerspruch – disku­tie­ren; dass das Thema Klischees und Rollenverhalten zwischen Männern und Frauen außer Mode kommt, ist nicht zu erwarten.

Beeindruckende Worte lese ich zu dieser schieren Möglichkeit in einem So­cial-Media-Beitrag des Dramaturgen und Drehbuchratgebers Roland Zag aus München: “Das Verlangen, durch Live-Performances oder eben auch durch das Kino so etwas wie einen kol­lektiven Sinn zu suchen, könnte nach der Pandemie (falls ein solches wirklich kommt) stark nachgelassen haben. Möglicherweise kommt der Kultur, und mit ihr auch dem Kino, die Kraft des Kollektiven abhanden. Das bedeutet nicht nur, dass das Verlangen nach Ge­meinsamkeit schwindet, sondern auch die Idee durch Film(-Kunst) so etwas wie ‘Sinn’ im altgriechischen Sinn zu erfahren. Wie und wo dann eine Filmkunst, die diesen Namen noch verdient, ihren Platz finden könnte, bleibt gegenwärtig offen. Bei den jetzt gegen­wärtigen Streamingdiensten ist dieser Platz wohl eher nicht zu finden.”

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