FILMTIPP #82: DIE HANNIBAL LECTER-SAGA.

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Die Saga um Hannibal Lecter lässt sich auf zwei Arten sortieren. Das Erscheinen der Romane von Thomas Harris gibt die chronologische Ab­folge vor: Anfangs ist Lecter nur eine Randfigur, ein Experte, der ei­nem psychisch an­ge­schla­genen, aus- und wieder eingestiegenem Profiler des FBI bei der Suche nach ei­nem psychopathischen Se­rien­mör­der mit Wis­sen und Geist zur Seite steht. Das Buch hieß Red Dra­gon (Roter Dra­che, 1981), dem der Roman The Silence of the Lambs (1988) folgte. Mit ihm wurde die Fi­gur Lec­ters prominent; der Erfolg von Jonathan Dem­mes Film von 1991 ver­stärkte den Effekt viel­fa­ch. Der hy­perge­fährliche Kannibale, ge­nia­le Denker und Semi-Aufklärer rückte ins Zentrum, im Ver­bund mit einer jun­gen Ermittlerin, die in Hannibal so et­was wie ih­ren Men­tor findet. Im Nachgang zu Silence folgten die Roma­ne Han­ni­bal (1999) und Hannibal Rising (2006), die ebenfalls zu Filmen wurden.

Aus der erzählten Fiktion ergibt sich eine andere Reihenfolge, die zuletzt an den An­fang zurückkehrte und mit Hannibals Entwicklung in jungen Jahren beginnt. In Hannibal Rising wird die Genese von Hanni­bals Trau­ma sowie sei­ne Abstinenz von sexuellen Beziehungen begrün­det. In klei­ne­rem Maß­stab geht es hier auch um die Errich­tung ei­nes „Ge­dächt­nis­pa­la­stes”, Hannibals Faible für abgeschnittene Köp­fe und deren Kon­ser­vierung, Dr. Lecktors (sic) beruf­li­chen Werde­gang und ins­gesamt da­rum, wie diese Figur zu dem wurde, was sie (vor­erst) war. „Sie wollen wissen, was er jetzt ist?”, fragt der ermit­teln­de Po­lizist im Roman. “Ich würde sagen, dafür gibt es noch kein Wort. In Erman­ge­lung einer bes­se­ren Bezeichnung werden wir ihn ein Monster nennen.”

Michael Mann, der Regisseur von Manhunter (1986), nahm im ersten Film der Serie die Kon­stel­lation seines späteren großen Kino-Erfolgs Heat (1995) vorweg: Män­ner, die sich in der Verstrickung im Verbre­chen in­einander ‘spie­geln’, der ei­ne auf der Seite des Geset­zes, der an­dere außer­halb, und die bei­de bereit sind, für ihre Passion alles zu geben, selbst zum Preis des eige­nen Unter­gangs. Mann ins­zenierte das Ganze im Stil seiner Her­kunft als Regisseur der von ihm geprägten TV-Serie Miami Vice. Bär­tige, virile Cops, Heavy-Syn­thi-Sound, weiße Schleif­lackinterieurs in blauem Mondlicht – diese visuelle Ikonographie ist die Basis von Manns Film. Hinzu kommen, teils aus dem Buch, teils aus Manns Schöpfergeist, neue, er­staunliche Bilder, wie sie generell die Serie prägen. Das beein­druckend­ste dieser Bilder sei hier be­schrieben: Der ge­such­te Mörder, “Zahnfee” ge­nannt, weil er leicht hervorstehende Eckzähne hat, hat sich ver­liebt, in eine blinde Frau, die als Fotola­boran­tin arbeitet und für sensuelle Erleb­nisse auf Berührungen angewiesen ist. Er beo­bach­tet, wie sie versunken, fasziniert und fast zärtlich das Fell ei­nes rie­sigen narkotisierten Tigers streichelt. Wenige Moment zuvor hatte man die gewaltigen Eckzähne des Tigers gesehen. Die Anspielung ist deut­lich: hier die Bestie, dort der schöne, unschuldige Mensch, die Frau.

Ich musste mich lange mit Silence of the Lambs beschäftigen, ehe ich auf für diesen Film geeignete Referenzbilder stieß. Manhunter wirkt an vielen Stellen bereits wie der Blueprint für Silence of the Lambs. Wie beim spä­teren Mega-Erfolg auch geht ein zentrales Motiv auf Malerei zurück, hier auf die Kunst der Sym­bolisten und ihrer Vorgänger. Dort gibt es das Schlüsselbild häu­fig: Es ist die dahin­gestreckte, wehr­lose „weiße Frau“ im Sinne Klaus Thewe­leits, über die ein Mon­ster, ein Dä­mon, eine Bestie wacht und regiert. Wil­liam Blakes „Der gro­ße rote Dra­che und die in die Sonne gehüllte Frau“ (um 1806) spielt im ersten Man­hun­ter sogar mit: die „Zahn­fee“ zeigt das Bild einem Opfer zur Er­klärung seines Wahns. Das Rema­ke spielt das Motiv Blakes dann leider bis zum Überdruss aus – der Mörder ist von dem „Ro­ten Dra­chen“ be­setzt, er fährt sogar ins Brooklyn Museum in New York, um das Origi­nal Blakes aufzuessen (indes, nicht einmal das nützt etwas). Nichts ist mehr subtil oder lädt zur asso­ziativen Erweiterung ein. Selbst die Sze­ne mit dem nar­ko­tisier­ten Tiger, vom Original fast Eins zu Eins über­nom­men, verliert ihren sym­bo­li­sti­schen Charme. Es sei wie­der­holt, dass der in der Kom­bination weib­li­cher Un­schuld mit männ­licher Aber­ranz be­steht – eine latente Ge­walt, die „über einen kommt“, ohne dass man sich wehren kann. Hier hinge­gen streichelt die junge blinde selbst­ver­gessen über das Fell des Tigers, und dann – auch über das, was in der Fan-Com­munity als tiger balls bezeichnet wird. Solche Drastik verschiebt alles.

Verwandlungen oder, wie er es nennt, Metamorphosen macht Theweleit noch ein­mal gesondert zum Thema mit Verweis auf die Moderne, die Pop-Art, das Verschieben des ornamentalem Hintergrunds nach vorne, im Gegen­satz zum harten Cop-Film, den männliche Zuschauer bevor­zugen. Auf dem Siedepunkt der Spannung wird bekanntlich durch einen cheat cut nicht nur die ganze Kavallerie des FBI in die Irre geschickt, sondern vor allem auch wir Zuschauer. Clarice muss das mo­no­kulare, mordende Insekt Billy am Ende alleine zur Strecke bringen.

Die Tiermetapher stammt aus dem Symbolismus, der selbst eine Kultur­scheide markierte: von der kanonisierten christlichen Ikonographie, die das Böse im markanten Gegensatz zum Göttlichen begriff, zu einer individuel­leren, privateren Auffassung. Da geht es dann schon auch um den Impuls, den das Unbewusste oder Triebhafte anhand einer darge­stellten Unschuld im Imaginären auch des „unschuldigen“ Betrachters auslösen kann. Über die Begriffe Monster, Be­stie, Dämon werde ich demnächst an dieser Stelle ausführlicher schreiben. Ein Hinweis vorab: “Der Begriff des Dämoni­schen taucht auf, wo die Mo­der­ne in Konjunktion mit dem Katho­lizismus tritt”, schrieb Walter Benjamin im Passagen-Werk.

Der Erfolg von Silence (1991) zog drei noch einmal anders geartete Fil­me nach sich, die vor allem das Phämonen und die Faszination des Han­ni­bal Lec­ter erklären wollten. Neben dem erwähnten Remake / Pre­quel Red Dragon (Brett Rattner, 2002) sind das Hannibal (Ridley Scott, 2001), ein in Florenz situiertes Sequel mit Anthony Hopkins, ohne Jo­die Fo­ster, ein Film, der in seinem Hang zum Exzess ganz aus dem Ru­der läuft. Und Hannibal Rising (Peter Webber, 2007), noch ein Prequel, das Han­nibals Trauma zu erklären sucht: in der Summe beides Filme, die man sich sparen kann. Dafür sollte man Silence zweimal mehr ansehen.

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