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FILMTIPP #63: SYNECDOCHE, NEW YORK VON CHARLIE KAUFMAN (USA 2008).

Bildquelle: kinocameo.ch

Kein Beruf hat sich im Lauf der Jahrhunderte so verändert wie der des Künst­lers. In der Antike der Vollender idealer Vorstellungen, wird er im Mittel­alter zum Ano­ny­mus, der Minuskeln in ein Stundenbuch malt oder zur Ausstattung von Ka­the­dralen beiträgt. An der Schwelle zur Neu­zeit taucht der Freigeist auf, der sich mit kirchlichen und welt­li­chen Auftrag­ge­bern abstimmt. Die Mo­derne lernt die Ver­bindung von Genie und Wahn­sinn kennen, den einsa­men Seher ebenso wie das selbstgefähr­den­de Indi­vi­duum. Im 20. Jahr­hun­dert werden Kön­nen & Machen abgelöst vom Kon­zept. Kunst darf alles und tut alles. Jeder und jede ‚kann‘ Kunst. Dazu kommt das perfor­mative Moment. Das heißt, nicht nur kann je­der Künstler sein, um erfolg­reich zu sein, sollte er/sie auch als solche/r auf­treten. Das be­deu­tet wie­de­rum auch, sich um dauernde Aufmerksamkeit zu bemühen.

Einem ‚klassischen‘ Künstler bei der Arbeit zuzusehen wäre daher eine willkom­me­ne Erin­ne­rung. Ca­den Cotard ist Regisseur am Theater, und das, wie es so schön heißt, mit Leib und Seele. Der Leib ist allerdings oft krank, dazu wittert der Hypo­chonder Caden immer schon die näch­ste Malaise. Mit seiner ganzen theatral­en Existenz fragt Caden nach den großen Dingen, nach Liebe und Tod, Lei­den und Erfüllung im Menschsein. All das proji­ziert er auf sein näch­stes Stück. Durch den Erfolg einer Klassi­ker­ins­ze­nierung ge­winnt er ein Sti­pen­dium; es ermöglicht ihm, im Theater­distrikt New Yorks eine Fabrik­hal­le zu mieten. Diesen Ort will Caden nutzen, um Vita und Werk eins werden zu lassen. Folge­richtig nimmt er das ei­ge­ne Leben zum Thema, mit dem Double des Regis­seurs sowie dem der Ge­liebten auf der Büh­ne und wei­teren Figuren, die sich selbst spielen. Das wirkliche Le­ben soll zur Rand­er­zählung werden und greift doch immer wieder ins Geschehen ein.

Eingangs ist Caden noch mit seiner Frau Adele, einer Malerin von Miniaturen, und der klei­nen Olive zusammen. Das ist die Normalkonstel­la­tion. Als Adele mit dem Kind nach Berlin zieht, beginnt der Sonderzustand; Caden freun­det sich mit Hazel an, die am Theater Tickets verkauft und in einem Haus wohnt, in dem ständig klei­ne Feuer lodern. Die Welt verliert ihre Ordnung rapide. Ca­den be­ginnt im Tage­buch seiner Tochter zu lesen, ob­wohl die in Berlin schreibt; dort­hin gereist, trifft er sie, viel älter geworden, als Nackt­tän­zerin in einer Peep-Show. Mit der Balance des Lebens geraten Zeit und Raum aus den Fu­gen. Man sollte den Titel Synecdoche, New York reflek­tie­ren: Manhat­tan taucht als Ku­lis­se in der Lager­hal­le auf. Die Synek­doche ist eine Sonder­form der Metapher. Es geht um unseren Als-ob-Blick auf diese Bühne, auf diese Menschen, auf diese Stadt, auf diese Welt, und von hier aus wie­der auf das kleine, Individuelle. Und zwar in dieser Reihenfolge.

Das Frappierende ist, dass sich mit diesem Film das sichere Gefühl einstellt, dem Entstehen großer Kunst zuzusehen. Das zeigt sich auch im Vor­an­tasten des Prota­go­ni­sten, den Philipp Sey­mour Hoff­man (1967-2014) tatsächlich gran­dios spielt; Rolle und Schauspieler bie­ten eine Melan­ge, der man sich kaum ent­zie­hen kann. Wichtig ist, den Film als Kinofilm anzuerkennen; undenkbar, dass man ihn unter­bricht, um irgendwann weiter zu sehen. Je­des Bild baut aufs vorherge­hen­de auf, der Ur­sache folgt immer sofort der Effekt, teils ge­gen jede Logik der Narra­tion. Nimmt man ihn nicht mit Humor oder als Farce, kann er ganz un­gemüt­lich wer­den; Kino darf das, solange die Wirkung tief ist. So hat hier weniger Woo­dy Allen Pate ge­stan­den als Ibsen und vor al­lem Kafka. Gegen Synecdo­che, New York wirken ver­gleichbare Bespie­ge­lun­gen von Regis­seu­ren wie Tom­maso (Abel Fer­rara, 2019) oder Bird­man (Ale­jandro Iñárritu, 2014), den wir Film­freun­de zusam­men mit einer Feuer­schluckers­show ge­zeigt haben, grad­linig, flüssig und im Ver­gleich ein wenig larmoyant erzählt.

Der Ruhm Charlie Kaufmans ist größer als sein kommerzieller Erfolg – kein Wunder, wenn man als Au­tor von Being John Mal­ko­vich (1999, Spike Jonze) ein­steigt. Eter­nal Sun­shine of the Spotless Mind (2008), die erste eigene Regie Kaufmans, wur­de für seine ge­wagte Konstruktion be­rühmt und war gewagt für Hol­ly­woods Nor­mal­be­trieb. In seiner lie­bens­werten Verrücktheit gilt dasselbe für den Ani­ma­tions­film Anoma­lisa (2015). Jüngst durfte Kauf­man für Netflix ein „Low-bud­get-Pre­stige-Projekt“ inszenieren, wie der Re­gisseur selbst sagt, der danach erst einmal das Schreiben ei­nes dicken Ro­mans vorgezo­gen hat.

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