Filmtipps

FILMTIPP #62: FRANK SINATRA IM KINO

Bildquelle: filmforum.org

Zuletzt ist Joaquin Phoenix zu „That’s life“ aus Joker hinausgetanzt, auf dem hellen Anstaltsflur blutige Fußabdrücke hinterlassend. Was sagt uns das starke Schluss­bild? Alles, was mir zustösst, ist mein Leben, könn­te die Einsicht lauten. Kein über­menschlich Böser denkt das mehr, son­dern ein Patient, ein psychisch Kran­ker. Die Einsicht wur­de im übri­gen for­mu­liert von einer Frau, die ebenfalls irgendwann, ir­gend­wie halb­wegs mit dem Le­ben klar­kommt, der Giuliana in An­to­n­ionis Deserto Rosso.

Durch einen Sinatra-Song bestimmt ist auch das Gipfeltreffen der beiden Bla­de Runner, Harrison Ford und Ryan Gosling, in Blade Runner 2049 (2017). Irgendwann ist alles besprochen, alle Argumente getauscht, doch noch nichts wirklich klar. Dann wirft Gosling die Jukebox an. Sinatra er­scheint als Mini-Holografie und singt ein hinrei­ßendes „One for my Ba­by / One for the road“. Damit bekommt die Kom­munikation der Prota­go­nisten einen neuen Tonfall. Wenn nichts mehr geht, so der Eindruck an vielen Stellen, an denen Si­nat­ra-Songs in Fil­men auftau­chen, bleibt The Voice, die an bessere Zeiten erinnert oder Hoffnung auf bessere Zeit­en macht. Die Pas­sagen sind Le­gion: Ocean’s Thirteen, Rocky Bal­boa, Catch Me If You Can, Space Cowboys oder Summer of Sam, um nur ein paar Jah­re zurückzugehen.

Nicht nur seine Stimme, auch der Sänger selbst erscheint im Film, mit Auf­tritten von Anfang der 40er bis Ende der 80er Jahre; in keinem sei­ner vielen Filme ist Sinatra die Hauptattraktion, aber viele renom­mierte Re­gis­seure haben ihn eingesetzt. Die Filme laufen parallel, um nicht zu sagen, nebenbei, bis auf einen, der sich rettend auf die Karriere aus­wirk­te: In From here to Eternity (Fred Zinneman, 1953) spielte Sinatra ne­ben Montgomery Clift und Burt Lancaster, die beide mit der Armee ver­heiratet sind, wie ihre Freundinnen sagen, den Außen­seiter und Ab­weich­ler Angelo Maggio. Der hat immer einen Scherz auf den Lippen, feiert und trinkt gerne – und hält im entschei­den­den Moment dagegen. Das bringt ihm Ärger und Arrest ein. Im Armee­gefängnis wird er von dem sadistischen Ernest Borgnine schließlich so verprü­gelt, dass er in den Armen der Freunde stirbt. Die Armee, die nichts­ahnend in den Tag von Pearl Harbour hineinläuft, ist in diesem Film ungewöhnlicher Weise mehr Fluch als Segen. Den Stellvertreter-Tod des unschuldigen Sinatra nahm sich Amerika zu Herzen: Symbolisch bestraft, war Frank Sinatra im wirk­lichen Leben mit einem Male durch einen Film exkulpiert.

Die Karriere des Sängers hatte zuvor auf der Kippe gestanden. 1947 hat­te er sich mit Lucky Luciano fotografieren lassen. Die Frauen­geschich­ten nahmen überhand. Sinatra beschimpfte Journalisten und drohte ihnen Gewalt an. Er verlor seine Verträge mit MGM, Univer­sal und CBS. Schließ­lich versagte auch noch die Stimme. Erst mit dem Oscar als Best Supporting Actor für seinen Opfertod in Zinnemans Co­lumbia-Produkt wendete sich das Blatt; die Filmrolle verhalf der Kar­riere des Sängers zu neuem Aufschwung. Sinatra wechselte die Platten­fir­ma, tat sich mit Ar­ran­geuren wie Nelson Riddle und Billy May zusammen, und mit Capi­tals Records begann er jene Serie von Konzep­talben, die seinen Ruf als amerikanische Legende begründeten. Die Mu­sik wurde scharfkanti­ger, die mit einem Mal gemalten Covers der Alben zeigten – als Soli­sten – nun einen erwachseneren, unabhängigen Mann, der (nur) da ist, wenn man ihn braucht. Mit der Synkope zog auch in Si­natras Gesang eine neue Dimension ein. Ein ähnlicher Balanceakt er­öff­nete sich im öffent­lichen Auftritt, in dem der Entertainer ausreizte, was ging und was nicht: Und Amerika erlaubte, über das Whiskeyglas und die Zigarette auf der Bühne hinaus, so ziemlich alles hinaus, solange es mit genügend Croo­ning und swingenden Ohrwürmern gefüttert wurde.

Die tiefschwarze Komödie Liberty Heights (Barry Levinson, 1999), an­ge­siedelt im orthodoxen Judentum von Baltimore, bezieht einen Teil ih­rer Stim­mung über einen der Handlungszeit ­ge­mäßen 50s-Sound: Doo-woop, Rock‘n Roll und Sinatra. Die Spannungen jener Umbruchszeit, in der Amerika seine Füh­rungs­rolle in der westlichen Welt auch kul­tu­rell festigte, haben im Rückblick als gemein­samen Nen­ner Nostalgie und Mythos. Dafür gibt es keinen besseren Ausdruck als die Gesangs­kunst Frank Sinatras. Wie der Schrift­steller Gore Vidal einmal bemerkte, sei es wahr­scheinlich, dass 50% der lebenden Be­völ­kerung Nordamerikas ge­zeugt wurde, während im Hintergrund diese Stimme erklang.

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