Filmtipps

FILMTIPP #59: MYSTIC RIVER VON CLINT EASTWOOD (USA 2003).

Bildquelle: choices.de

Die Filme von Clint Eastwood werden seit Jahren von einem Thema dominiert: Wie verhält man sich angesichts des unaus­weich­li­chen Todes und trotzt dabei dem Leben ein Maximum an Würde ab? Das beschäftigt den ideologischen American Sniper (2014) ebenso wie den Boxtrainer von Million Dollar Baby (2004); der eine tötet Menschen auf Befehl, der andere leistet aktive Ster­behilfe. Der Held von Unforgiven (1992) ist nichts ohne seine ver­stor­be­ne Frau, steigt aber für die Ehre einer anderen Frau noch einmal in den Sattel, um karitative Liebe auszuüben. Gran Torino (2008) ist eine Pas­sions­ge­schich­te über die Wandlung eines amerikani­schen Apostels, der, selbst bekehrt, nicht nur ein Ohr hingibt, sondern für die Mühseli­gen und Beladenen auch das Leben.

Auch in Mystic River spielt der Tod eine Hauptrolle. Ohne East­wood auf der Leinwand, geht der Film dennoch tief unter die Haut. Schon die Ex­po­si­tion ist ein Muster­buch für eine gelingende psycholo­gi­sche Glaub­wür­digkeit der wichtigen Figuren, dreier Freunde im Al­ter von elf Jah­ren. Die Jungs machen eine grauen­hafte Erfahrung – einer aktiv, zwei pas­siv betroffen. Vie­le Jahre treffen sie sich wieder: Jimmy (Sean Penn), Vater der soeben ermor­de­ten neunzehnjährigen Katie, und Dave (Tim Rob­bins), der bald dieses Mordes ver­däch­tigt wird. Der dritte Freund ist der er­mit­teln­de Cop Sean (Kevin Bacon). Das klingt konstruiert, aber wenn man den Film sieht, ver­gisst man das sorg­fäl­tige Kon­strukt des Romans von Dennis Lehane. Drei Schick­sale werden zu einem einzigen, grun­diert vom Auf­be­gehren gegen die traumatische Prägung aus der Kind­heit. Die Missbrauchsgeschichte vom Beginn lässt keinen der drei Ex-Freunde je wieder los.

Der Wille des Ein­zelnen, sein Ver­hält­nis zum Staat wie zur Metaphysik sind die zentralen Themen der Regiearbeiten Eastwoods. Er selbst, be­fragt über seine entsprechenden Einstellungen, bezeichnet sich als nicht re­ligiös. Mystic River ist aber ein Film, in dem die Frage nach Schuld und Sühne verhandelt wird wie ein religiöses Schisma, mit dem man aus der Familie und dem Freundschaftsverbund ausschert. Die katho­li­sche Kir­che bzw. zwei Geistliche, die sich als Polizisten aus­ge­ben, wird hart an­ge­gangen. Und Sean Penn ver­folgt den vermeintli­chen Schul­digen mit großer Dogmatik; seine kriminelle Vergan­gen­heit macht ihn von vorn­he­rein zum Teilschul­digen, was sich dann tragisch ver­stärkt. Die Schuld­frage verengt sich im Laufe des Films zu Gewissens­ent­scheidun­gen, die der Einzelne auch für Andere trifft. Damit bleibt ein East­wood-Film immer ein Stück Hollywood. Doch der mystische Fluß fließt tat­säch­lich durch Boston, und dieser Hades ist so weltlich wie die he­run­ter­gekom­mene Gegend der fiktiven East Bucking­ham Flats, aus de­nen nur der Cop für das Studium herausgekommen ist. Seine miss­lin­gen­de Ehe, die Ereignisse der Jugend und der neue Mord holen auch ihn zurück.

Sean Penn, Kevin Bacon und Tim Robbins sind hervorragende Schau­spie­ler. Im Kollektiv trieb sie der Regisseur zu Spitzenleistungen. Rei­bungslos funktionieren der Krimi-Plot und die Ermittlungen, auch dank Law­rence Fishburne, der seinen Partner immer wieder zu den Indizien zurücktreibt. Sean könnte abrutschen, seine ungeklärte familiäre Situa­tion wiegt schwer. Auch die beiden Freunde aus der Kindheit werden über ihre Ehen charakterisiert. Hart trifft es Dave, das einstige Opfer. Er kann nicht erklären, wo er in der Mord­nacht war; in der Tat hat er ver­sucht, sich selbst durch einen Gewaltakt zu be­freien. Ausflüchte helfen nicht, im Gegenteil, sie rei­ten ihn immer tiefer ins Verder­ben. Sein Los ist besie­gelt, als sich auch seine Frau Celeste abwendet. Para­do­xer­weise führt die einzige funk­tionie­rende Ehe Jimmy, ein zorniger Mann, dem die Gesetze des Staates we­niger bedeuten als Abmachungen zu Eh­re und Schuld, die er selbst trifft: eine echte Eastwood-Figur. Auch sein Leid wird ausgespielt. Sean Penn ist in dieser Rolle das Kraftzent­rum des Ganzen, so abstoßend wie anziehend, in einem grauenvoll schönen Film.

Traumwandlerisch trifft Eastwood die richtige Tonlage, wählt das rich­ti­ge visuelle Motiv. Es gibt kaum einen klareren Film. Im Sinn der Biolo­gi­schen Psychologie vertritt Clint Eastwood das Prinzip „männlich“, was die Attraktivität seiner Filme für Menschen jederlei Geschlechts steigert. Im Mai dieses Jahres ist der Mann 91 Jahre als geworden. Er war über 70, als ihm diese reife Lei­stung gelang.

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