Filmtipps

FILMTIPP #36: EL LABERINTO DEL FAUNO/PANS LABYRINTH VON GUILLERMO DEL TORO (MEX/ESP/USA 2006).

Bildquelle: Chip.de

Als DVD und (gegen Aufpreis) zu streamen.

Härteste historische Realität, fabuliert über die Phantasien einer Zehn­jäh­ri­gen. Spanien im Jahr 1944: Ofélia folgt ihrer schwangeren Mutter in eine waldige Gegend in Nordspanien, wo die beiden den Stief­vater des Mädchens treffen sollen. Der bekämpft als Kommandant eines falangi­sti­schen Außen­postens versprengte Partisanen genauso inhuman und bru­tal, wie er seine Stieftochter zu erziehen versucht. Von Anfang sieht man auch über­dimensionierte Insekten im Bild, die das Mädchen für Feen hält und mit denen sie irgendwie auch kommuniziert. Ein Bote lockt Ofelia in ein steinernes Labyrinth, in dem ein bizarrer, über­menschlich großer Faun wohnt. Er nennt das Mädchen Königstochter.

Ofélia soll drei Prüfungen bestehen, um ihre Tauglichkeit als Prinzessin zu beweisen. Als erstes tötet sie eine riesige Kröte, die einen magischen Baum am Wachsen hindert. Die Mutter hat einen Blutsturz. Ofélia ent­kommt einem augenlosen Homunkulus, verpatzt aber die zweite Prü­fung. Die Falangisten reiben eine Gruppe Widerständler auf. Die Gewalt eskaliert. Die Mutter stirbt bei der Geburt. Das Baby lebt. Es ist der vom Vater ersehnte Junge. Es kommt zum Showdown, in dem der Faun Ofé­lia noch eine Chance gewährt. Viel mehr sei nun nicht verraten, außer, dass Ofélia in einer letzten Phantasie zur Königin erhoben wird.

Ein Fairy Tale für Erwachsene, als Geschichtsparabel durchaus ernst zu nehmen. Und harter Realfilm, gepaart mit Animation: Mixturen, die es schwer haben, weil angesiedelt zwi­schen angestammten Seh­ge­wohn­hei­ten. Die FSK sprach zu Recht eine Freigabe ab 16 aus. Wa­rum nur aber haben wir Deutschen Probleme mit Animationsfilmen für Er­wach­se­ne wie Walt­zes with Bashir (2008), L‘Image manquante (2013) oder Ano­mal­isa (2015), die anderswo Er­folge bei der Kri­tik und beim Publi­kum wa­ren? Kinder und Jugend­li­che stehen drauf. Wir Ältere tun uns schwer. Of­fenbar ist Animation bei uns mit Adoleszenz konnotiert.

Doch hat gerade Pans Labyrinth großes Erkenntnispoten­tial. Wir blicken auf den spanischen Faschismus ja als historisches Paral­lel­phäno­men, das sich allerdings durch seinen langjährigen und breiten Wi­der­stand unterschied, die Volksfront, der sich bekanntlich Freiwil­lige aus allerlei Län­dern anschlossen und die an Fran­cos ei­sernem Regime schließlich scheiterte. An Del Toros Film erkennt man we­sent­liche Grün­de dafür: Fa­schis­mus ist stumpf, menschenverachtend und äußerst bru­tal; dagegen die Sicht des Kindes, die naive Phantasie, die Un­schuld, die noch ganz andere Feinde kennt, mit denen man sich immer­hin aktiv aus­einan­der setzen kann. Ofélia ist klein, schwach, und sie ist ein Mäd­chen. Genau das macht sie für uns stark und groß in diesem Film.

Die Welt sei ein grausamer Ort, und Zauberei gäbe es nicht, bekommt Ofélia gesagt. Wir erkennen deutlich, dass allein diese Eigenschaften helfen können in einer Welt, in der Primärfarben fehlen, in der es keine normale Entwicklung für ein heranwachsendes Menschenwesen gibt. Folgerichtig flüchtet sich das Kind mit seiner Phantasie in die Fabel.

Nicht viel Anderes hatte Francisco de Goya im Sinn, als er vor 200 Jahren die Gräuel eines ähnlich zerrissenen Spaniens zu Papier brachte. „Ver­hängnisvolle Folgen des blutigen Krieges in Spanien gegen Bona­par­te und andere ergreifende Launen“ nannte Goya seine Serie. Lau­nen, cap­ri­chos, damit meinte Goya den überbordenden Ausbruch an Fabu­lier­lust, an ge­spannter Empha­se in jedem Strich seiner Radiernadel. Vor solch ge­ballter Einbildungskraft hatte Goyas Zeitgenosse Goethe noch Angst, der diese Kraft als mächti­gen Feind bezeichnete, mit ihrem von „Natur aus unwidersteh­lichem Trieb zum Absurden, der selbst im gebil­deten Mensch mächtig wird“. Nur so aber entstand Kunst, die wir heute in ei­gens errichteten Museen bewundern. Moderne Medien habe solche Ängste erweitert. Am Ende sind sie immer bezähmbar. Ein Mu­seum braucht ein Film wie Pans Labyrinth nicht. Ein Publikum unbedingt.

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