FILMTIPP #34: LIFEBOAT VON ALFRED HITCHCOCK (USA 1943). AUF DVD.

Bildquelle: https://letterboxd.com/film/lifeboat/

Der frühe Alfred Hitchcock wurde zum Meister des Kinos, als er vor Au­gen zu führen begann, dass man mit ihm in nichts als eine Puppenstube sieht. Die Me­ta­pher sig­nali­siert zuerst eine kla­re raumzeitliche Ordnung. Als Mei­ster ließ Hitchcock die Pup­pen dann tan­zen in sehr defi­nier­ten Räumen, an einem Fen­ster zum Hof, in einem verlassenen Ho­tel, einer Meeresbucht; auch die Zeit wird bei ihm durch klare Setzungen wortwörtlich einsehbar. Das Ex­pe­ri­ment Rope (1948) nimmt die Einheit von Zeit und Raum ganz ernst.

Von der einschätzbaren Ord­nung des Seh­felds aus gibt es dann Verschie­bun­gen, in der Regel durch einen Kriminalfall. Bei Hitchcock passiert aber noch ande­res und wird vor allem anders reagiert, als man es im echten Le­ben er­warten würde. Im Gegensatz zum Hollywood-Mainstream, in dem Men­schen durch Widrigkeiten zu Helden reifen, werden Hitchcocks Figuren oft kleiner, menschlicher, behalten ihre Schwächen. So ‘wächst’ wieder das Pub­li­kum, be­stärkt durch den vorgegebenen Sehraum und die ‘Beherrschung’ der Zeit.

Sehr klar lässt sich diese formale Orientierung des Publikums schon in Life­boat (1943) erkennen, einem wenig bekannten Film aus der Kriegszeit. Der Eng­länder Hitchcock macht amerikanische Propaganda im Auftrag der 20th Cen­tury Fox. Einziger Handlungsort ist ein Rettungsboot auf dem Atlantik. Auch die Präsentation der ersten Figur verblüfft: Da sitzt Tallulah Bank­head, ei­ne eher kantige, aber starke und elegante Dame, per­fekt gestylt im Boot, und raucht. Es folgen, einer nach dem anderen, immer mehr Über­le­ben­de eines versenkten Ocean Liners, bis sich ein Querschnitt der ameri­kani­schen Gesellschaft versammelt hat. Am Ende kommt noch ein Mon­ster an Bord, der Kapitän des deutschen U-Bootes, von dem das Unheil ausging.

Walter Slezak spielt diesen Nazi-Offizier mit Wiener Charme und eiskalter Be­rechnung, was von den unterschiedlichen Demokraten lange nicht durch­schaut wird. Von Walters Vater Leo Slezak habe ich schon als Kind Memoi­ren gele­sen, die erste in einer langen Folge Exillektüre. Später interessierten Men­schen mehr, die aus Euro­pa ganz weggehen mussten, um dann ir­gendwie am ameri­ka­ni­schen Filmimperium mit­zu­bauen, zuletzt das Gespräch Billy Wilders mit dem Re­gis­seur Cameron Crowe. Der Film, die Kunst des 20. Jahr­hunderts wäre ärmer ohne jene Un­be­hausten; das gilt auch für die USA als Nation. Zuhau­se hätten sie vielleicht einfach wei­ter Un­terhaltung ge­macht. In der Frem­de brachten sie einen exi­sten­ziel­len Blick ein und jenes Quantum Dia­lek­tik, ohne das Kunst nie wirklich funktioniert.

Wir müssen ihnen dankbar sein für die Erfahrung, die sie der Welt von 1933 an mi­tgeteilt haben in so vielen Filmen des klassischen Hollywood: die Welt­sicht des Unbehausten, Heimatlosen, der nur noch mick­rige “Würzel­chen” schlägt in der neuen Heimat, wie der exilierte Theoretiker Sieg­fried Kra­cauer sein zweites Dasein einmal umschrieb. Oder mit Billy Wilder, für den Came­ron Crowe das folgende Fazit zog: “Sie haben diese Filme geschrieben, um all diese unter­schied­lichen Leben zu leben, um Dinge zu erfahren, die Sie im wirklichen Leben nicht er­fahren konnten.” Viel besser lässt sich der Antrieb, Filme zu machen – ebenso wie der, Filme zu sehen – nicht beschreiben.

Weil wir im Kino, und nur im Kino, jede gesehene Geschichte aktualisieren und auf uns projizieren, ist Lifeboat mehr als eine Parabel des Zu­sam­men­halts Amerikas in einer Welt, die akut in Flammen stand. Das Mo­tiv des Ret­tungs­boots auf hoher See ist heute so aktuell wie damals. Darüber hinaus ent­scheiden die In­sassen wie auf einem “Floß der Medusa”, bei Hitch­cock wie bei Géricault, über Leben und Tod von Indidividuen. Ein exi­sten­zieller und ex­pli­zit po­lit­ischer Film, zu seiner Zeit selten in Hol­ly­wood, differen­zierter als Sergeant York (1941), weniger raf­fi­niert ver­klau­su­liert als Casa­blan­ca (1942), nicht ganz so klug wie Mrs. Miniver (1942). Ein Schul­film, mit dem man Gy­m­na­siasten zu einer Meinung bringen könnte, wie High Noon (1950) oder 12 Angry Men (1957). Ein Lehrstück in Sachen morali­sches Kino.

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