FILMTIPP #17: MIDSOMMAR VON ARI ASTAR (USA 2019). AMAZON PRIME.

Bildquelle: Rollingstone.de

Wir haben in Deutschland zwei weltweit einzigartige Institutionen, die sich um den Film kümmern: Bei der Filmbewertungsstelle (FBW) wird, unterm Dach des Wies­ba­dener Schlosses, das obere Zwanzigstel der Gesamproduktion gesich­tet, um die Labels “Wertvoll” oder “Besonders wertvoll” zu vergeben. Die Ein­reicher zahlen eine hohe Gebühr für die Prüfung und erhalten im Erfolgsfall einen Wer­be­effekt, der die Qualität ihres Films via FBW quasi staatlich beurkundet.

Die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) nah dem Wiesbadener Bahnhof prüft in staat­lichem Auftrag dagegen alles, was im Kino und auf DVD herauskommt. Wenn Sie sich einen DVD-Wühltisch in einem Kaufhaus vorstellen, haben Sie ein Ab­bild dessen, was es hier zu sehen gibt. Ich habe sechs Jahre bei der FBW die Sahne­häub­chen mitgesichtet, bin dann zur FSK gewechselt und prüfe seit 15 Jahren nun auch den Bodensatz, sprich, alle Genres, Holl­y­wood und Bol­ly­wood, Gewalt und Sex, Dro­genmissbrauch und besonders dumme Sprü­che. Und habe hier trotz­dem eine überraschend hohe Zahl guter und sehr guter Filme gesehen.

Ein Genre, das mir nicht liegt, ist Horror. Trotzdem habe ich mich, aus beruflicher Neugier, neulich durch Suspiria (2018) gesessen, wegen Tilda Swinton und weil Thom Yorke von Radiohead die Musik dazu gemacht hat. Suspiria erhielt soviel Aufmerksamkeit und positiven Zuspruch wie zuletzt Midsommar: der Hor­ror der Stunde, sozusagen. Midsommar verdanke ich der FSK, wo der Film ein “Freige­geben ab 16 Jahren” erhielt, wegen einiger markanter Grau­sam­kei­ten, die man älte­ren Jugendlichen aber zumuten kann. Dieser Freigabe habe ich zugestimmt.

Es geht um die obligatorische Gruppe von Jugend­lichen, wie meist Amerikaner, männlich/weiblich/jung, die eine frem­de Kultur besuchen, um dort ein wenig Spaß zu haben. Aus dem Spaß wird dann Ernst. Und der wird blutig. Der Ort, an dem alles passiert, ist ein schwe­di­sches Dorf voller weißgewandeter Puritaner, die eine Art Großkommune zelebrieren. Man isst und schläft zusammen, die Jun­gen neh­men Drogen. Die Gemeinde wirkt nicht nur auf die amer­ika­nischen Kids erst ein­mal eso­terisch, wie die entgleiste Variante einer Aussteiger­u­to­pie der Sechziger.

Doch nach 50 Minuten wird es plötzlich heftig. Ein altes Ehepaar habe lange genug gelebt, schreibt der Ritus vor. Die beiden sollen sich, und zwar “freiwillig”, von einem Felsen stürzen. So geschieht es, und als der Mann nicht gleich tot ist, helfen einige GenossInnen mit einem großen Holz­ham­mer nach. Das Ganze im On, mit den ent­spre­chenden Details in Nahaufnahme.

Und es bleibt deftig. Die zweite Hälfte des Films gibt es den üblichen Body-Count­down, bis “Final Girl” und “Final Boy” übrig bleiben. Das Ende ist spek­ta­kulär. Übertre­tungen des guten Geschmacks gibt es in Richtung Ritua­li­sierter Sex und, ja, einem langen Opferritual.

Es gibt nun zwei Arten, mit einem solchen Film umzugehen. Als Cineast bin ich grundsätzlich der Meinung, dass im Kino alles möglich sein muss, was nicht ge­gen irgendeinen Artikel des Grundgesetzes verstösst. Dazu ist der Film handwerk­lich erstklassig, die Bilder atemberaubend, die Vision unversehen, die Kombina­tion von puritanischer Welt & Horror originell. Meine Studierenden, in aller Regel “Twentysomethings”, fahren voll drauf ab. Man kann das Ganze also mögen.

Andererseits flüstert eine leise Stimme an meinem Ohr, dass ein solcher Film eigent­lich verboten werden solle. Das wäre ethisch argumentiert. Ich bin sehr froh, dass das bei uns nicht so einfach möglich ist. Unser Jugendschutz ist streng, aber auch konsequent: Jugendliche ab 16 werden hier nicht geschädigt. Und die Frei­heit der Kunst ist ein hohes Gut. Versuchen Sie sich an Midsommar. Wenn Sie den Film durchhalten, werden Sie das ewige Recht von Jugend und jungen Er­wach­se­nen auf das Überschreiten von Grenzen neu verstehen, im medialen Rah­men von 2020, so­zu­sa­gen. Wer sich provoziert oder unwohl fühlt, schalte aus.

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