FILMTIPP #105: FILM UND TIERE (1). DAS PFAUENPARADIES/IL PARADISO DEL PAVONE VON LAURA BISPURI (ITALIEN 2021). DERZEIT IM KINO.

Foto: Verleih-

Am liebsten sehe er Filme, schreibt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho auf eine Frage der Frankfurter Allgemeinen, und zwar “Filme, lieber sogar als Bilder, wofür ich mich bei allen kunsthistorisch gebildeten Personen entschuldige.” Pro­fes­sor Macho hat es wohl nicht so gemeint, aber in seiner Aus­sage steckt die Annahme, dass Film ja eigentlich keine echte Kunst seien und dass man sich bei denen, die echte Kunst betreuen, fürs Filmesehen entschul­di­gen müs­se. Der Wissenschaftler schreibt konsequent weiter, er sehe am liebsten Fil­me, in denen Bilder vorkommen, er meint statische, malereiähnliche Bilder.

In dem Film Das Pfauenparadies müsste man in der Konsequenz eine Stelle no­tie­ren, und viele Kritiker haben dies auch getan, wenn der Pfau des Films, den es tatsächlich gibt, in einer Wohnung, in die er mitgeschleppt wurde, auf das Bild ei­ner Taube trifft. Tat­sächlich scheint der Pfau das Bild aktiv zu bemerken. Was er bei dem Anblick denkt, ob er überhaupt etwas denkt, wissen wir nicht. Im un­mit­telbaren Anschluss fällt eine Vase herunter und wir se­hen, wie der Pfau für das von ihm verantwortete Missgeschick auf den Balkon ausgesperrt wird. Dort sieht er dann eine echte Taube. Diese Begegnung besiegelt sein Schicksal.

Obwohl der Pfau ganz real da ist/war, wird man ihn dann doch eher als eine Meta­pher denn als reales Abbild eines exotischen Tiers nehmen: Er ist sozusagen der einzi­ge echte Pfau inmitten der vielköpfigen Menschengruppe, die zusammenge­kom­men ist, um den Geburtstag von Nena zu feiern (Dominique Sanda, selt­sam pro­mi­nent, strahlt den Charme würdigen Alterns aus). Zu Nena hin, die so etwas wie das Herzstück, aber nicht der Nabel des Films ist, sind ihr Mann so­wie eine Haushä­lterin orientiert, mit der Nena ein Geheimnis hat. Zu Be­such kom­men zwei Kinder Nenas mit Partnerin und Ex-Part­ner, dazu eine Ge­liebte, eine juvenil-trot­zige Großcou­sine, ein En­kel und eben der Pfau. Die Konstellation ergibt eine latent explosive Mi­schung, ohne dass es irgendwer direkt aufs Zündeln anlegte. Ein Kriti­ker fühlte sich an ein Mobile erinnert, das auf jeden Impuls stets als Gan­zes rea­giert. Ohne Metaphorik kann man von normaler Familiendynamik sprechen.

Es ist eines der großen Geheimnisse des Kinos, dass eine Gruppe von Men­schen, die mit­einander sprechen, aufeinander reagieren und entsprechend inszeniert werden, kaum 90 Minuten Lan­ge­weile pro­duzieren können; im vorliegenden Fall sorgen allein die wechseln­de Perspektive und eine un­gewöhnliche fluide Ka­mera für Lebendigkeit und Indi­vidualität. “Einge­sperrt” in eine Neu­bau­wohnung in einem unglamourösen Bade­ort an der Adria, sehen wir einer veritab­len Fami­lien­aufstellung zu. Das ver­dankt sich zunächst einem außer­ge­wöhn­lich dichten Dreh­buch, das die Regis­seu­rin mit­ver­fasst hat, sowie den Typen, die sie versammelt hat. Dann ver­las­sen die psycho­lo­gischen Sentenzen ihre Verfass­erInnnen, die Autoren des Dreh­buchs, und mani­festieren sich in den Schau­spie­lerInnen, die sich, das heißt ihr Äuße­res und auch ein Wenig ihres Inneren für den Moment zur Ver­fü­gung stellen. Am Ende ist es wieder der Kunst von Inszenatorin, Kamera­mann und Mon­teu­ren über­las­sen, das Ganze zu einem Bild zu machen (einem Bild gleich einem Film, Herr Macho!).

Bispuri nimmt sich die Freiheit, durch ein eingespieltes, dynamisches Cello ge­le­gentlich zu kommentieren bzw. die Debatten innerhalb der Familie zu übertönen und uns so für Momente vom Geschehen zu distanzieren. Geschehen ist auch über­trie­ben: Es geht um Positionen, Näherungen, Abgrenzungen oder auch nur ums Mit­teilen – ein Paar will heiraten, die Großmutter offenbart ein Ver­hält­nis außer­halb ihrer Ehe –, doch stets auch darum, wie die Anderen reagieren. Angebote wer­den ge­macht, auf die eingangen wird oder nicht. So funktioniert Kommuni­kation: selten rein, oft nur unter Miss­verständ­nis­sen oder Miss­tö­nen. Die Familie ist das Ge­bil­de, in­ner­halb dessen man dieser Mechanik auf keinen Fall entkommt.

Ertönt das Cello als eine Art Auszeit, erkennt man die einzelnen Stimmen als Kakophonie sich überlagender Eindrücke, die immer mit eigener Sympathie und Anti­pa­thie zu tun haben. Ist der forsche, ins Familieninnere zurückwollende Ex-Schwie­gersohn erfolgreich, nur weil er dreist ist? Warum tendieren wir dazu, den kind­li­chen Wahr­heiten der achtjährigen Alma zu folgen? Ist ihre Mutter, von Alba Rohr­bacher herausragend dargestellt, vorsichtig oder übertrieben besorgt?

Eine Frage beantwortet Das Pfauenparadies in der Tat: Es ist das Kino Italiens, das in der Krise die interessantesten westeuropäischen Beiträge zur Verfügung stellt.

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