FILMTIPP #104: ICH BIN DEIN MENSCH VON MARIA SCHRADER (D 2021). 15. JULI, ALTE MARKTHALLE NIEDER-INGELHEIM. VORPROGRAMM DER MIMA UM 20:00 UHR, FILMSTART 22:00 UHR.

Foto: Berlinale.

Das Andere des Menschen, das Andere im Menschen hat das Kinopublikum zu allen Zeiten angezogen. Die Filmgeschichte wimmelt von Schizophrenen und Triebtätern, Neurotikern und Sonderlingen. Je rei­ner, je unschuldiger eine gute Seele auf der Lein­wand erscheint, umso gruseligere Züge, so die Regel, kann der jeweilige An­ti­pode an­neh­men. Und das betrifft beileibe nicht nur Menschen aus Fleisch aus Blut: Die Mille­niums­ber­li­nale 2000 konnte bereits auf ein ganzes Jahrhundert “Künstliche Menschen und Mani­sche Maschinen” zurücksehen.

Dabei ist die schöne und verräterische Maria aus Metropolis die Ausnahme ge­blie­ben. Künstlich geschaffene Lebewesen sahen in der Regel aus wie der Golem oder Cesa­re aus dem Caligari-Film, lä­diert wie Boris Karloff als Frankenstein oder geradezu über­männlich wie der Ter­mi­na­tor. Auffällig ist auch die überhöhte Sexualisierung der artifi­ziellen Frau, sei es Darryl Han­nah im ersten Blade Runner (1982) oder die Androidin Ava in Ex Machi­na (2015), die ihren Erforscher neben der äußeren Attraktivität auch mit einem außer­or­dent­li­chen IQ überraschte.

In jüngster Zeit haben Filmcharaktere die Konsequenz fortgetrieben und sich in bizarre Ma­schi­nen verliebt: der introvertierte Theodore (Joaquin Phoenix) findet seine Her im gleich­na­mi­gen Film (Spike Jonze, 2013) im Betriebssystem seines Computers, das sich selbst Sa­man­tha nennt, die “Sanftmütige und Gehorchende”. Rau geht es hingegen in Ti­tane (Julia Ducornau, F 2021) zu, in dessen erstem Teil die Pro­tagonistin Alexia so­wohl mit einem getunten Cadillac als auch mit drei Männern hintereinander Sex hat, die sie einer Got­tesanbeterin gleich im Anschluss tötet; im zweiten, differenten Teil kehrt Ale­xia zu ih­rem menschlichen Körper zurück, changiert dabei aber in auf­fäl­li­ger Wei­se: Äußerlich mimt sie einen Mann bzw. Jungen und findet so zeitweise ei­nen Ziehvater. Am Ende stirbt sie, die vom Sexus her eine Frau ist, bei der Geburt ihres Kindes.

Solche Erfahrungen tendieren dazu, Menschen abzuschrecken. Die Medientheorie kon­tert mit der einsehbaren Formel, Film konfrontiere gerne mit symbolischen Grenz­erfah­rungen, die besser nicht mit realen, existenziellen Erfahrungen verwechselt werden soll­ten. Die Medienethik stellt darüber hinaus die Forderung auf, angesichts möglicher­weise ver­stö­render Seh- und Hörerlebnisse im Kino, die abseitige Phantasien befördern kön­nen und sollen, dass Filme heute nicht nur mit einem ethischen Bewusstsein produziert werden, sondern auch zu einer verallgemeinerbaren ethischen Diskussion führen sollen, dabei aber keine Leitmeinung oder Tendenz vertrügen: der bekannte Unterschied zwi­schen Et­hik und individueller, geschmacksgeleiteter Moral. Film ist und bleibt in vielen Fäl­len Grenz­gang, Provokation, Schock und nicht nur ästhetische Herausforderung. Was sei­ne Ähnlichkeit mit dem Aussehen wirklichen Lebens verfestigt, unterminiert aber der Schrecken; je bizarrer, je krasser das Seherlebnis ist, desto bereitwilliger sind wir of­fen­bar, die der Fiktion zukommende Wirkung einzuräumen und uns unsererseits als kannibalistisch genießende Gottesanbeter gleich Mediennutzer zu identifizieren.

Insofern ist der Film, den wir für die Ingelheimer Mitmach-Ausstellung “POWER.ON – eine fantastische Reise in die Welt der Maschine” ausgewählt haben, eine kleine Falle, (doch unserer Meinung nach nicht “sturzbieder”, wie die F.A.Z. jüngst schrieb). Denn die Frage, vom Roboter aus gestellt, scheint hier endlich zu Ende gedacht: Wie sieht das We­sen Mensch eigentlich von der anderen Seite aus, unperfekt, mit all seinen Fehlern und Ängsten?

Wir haben heute oft schon eine Alexa oder Siri zu Hause: “Damen”, die nicht aus Fleisch und Blut sind und in die man sich, zugegeben, schwerlich verlieben wird. Anders die Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), die an einer dreiwöchigen Studie teilnimmt, die ihr einen humanoiden Roboter zuteilt. In Ich bin dein Mensch ist die männ­liche Ma­schi­ne darauf programmiert, nach allen Regeln aus dem Lehrbuch der Ver­führungs­kunst um den weiblichen Menschen zu werben. Anfangs geht da noch viel schief, doch liegt es im Wesen der programmierten Maschine, sich Stück um Stück zu op­ti­mie­ren. Von daher schmilzt Almas Widerstand, denn sie muss langsam einsehen, dass Tom (Dan Stevens), der zu allem auch noch blendend menschlich aussieht, der per­fekte Part­ner für sie wäre. So kommen, weil Alma ja ein echter Mensch ist, tat­sächl­ich Gefühle ins Spiel. Die Fra­ge, die übrig bleibt: Was ist mit den Gefühlen von Tom?

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