FILMTIPP #102: THE LAST WALTZ VON MARTIN SCORSESE, USA 1978/2022. AM 15. JUNI AUF DEM FESTIVALGELÄNDE AN DER BURGKIRCHE ZUM AUFTAKT VON EUROFOLK 2022.

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Nicht nur ein Abschied, auch ein Anfang. Die fünf Musiker wussten, dass sie nicht mehr als The Band auftreten wollten, und taten es noch einmal, mit Plan und vol­ler Überlegung. Dazu ersannen sie eine konzertante Last Waltz Suite und lu­den, äu­ßerst öffentlichkeitswirksam, viele Wegbegleiter dazu, die Besten der po­pu­lä­ren, amerikanisch grundierten Musik der 70er Jahre. Neil Young münz­te das Gan­ze vor seinem Auftritt zu einem großen Kompliment: “I just want to say before I start that it’s one of the pleasures of my life to be on this stage with these people tonight.”

Sechs Stunden dauerten die musikalischen Darbietun­gen, zwei Stunden das ins Ticket integrierte Truthahnessen im Winterland von San Francisco – man schrieb den Thanksgiving Day 1976. 5000 Menschen waren da (und aßen angeblich über 4000 Pfund Truthahn). Danach nahm sich Martin Scorsese noch einmal an­dert­halb Jahre Zeit, um abwechselnd Band-Stan­dards, einen oder zwei Songs eines Gastes, viele Inter­views und drei nach­ge­drehte Kon­zert­num­mern zu montieren. Und das ist das Neue an The Last Waltz: Mit der Kinopremiere des Films im Ap­ril 1978 be­ginnt die Fu­sion von Musik und Bild auf gleichberechtig­tem Le­vel – drei Jahre vor MTV und doch schon eher dort anzusiedeln als bei den herkömm­lichen Kon­zert­mit­schnit­ten, die sich bis dato stets nach dem vorrangigen Ereignis gerichtet hatten und bei denen die Ka­me­ra über die Rol­le des nur geduldeten, “zufälligen” Beo­bachters kaum hinausge­kom­men war.

Nun ist es nicht so, dass die Stars sich bereits primär nach der Kamera gerichtet und verhalten hätten, wie heute üblich, noch steht ihre leibliche Präsenz auf einer Bühne im Vor­dergrund. Die Musiker agierten konventionell, während sich der Filmemacher vor allem darum bemühte, die Arbeit von sieben mög­lichst unsicht­baren, gleichwohl renommierten Kameramännern, darunter Michael Chapman (Taxi Driver), Láz­ló Kovács (Easy Rider, Paper Moon) und Vilmos Zsigmond (Deli­verance) zu koor­dinieren. Dafür sorgte ein 300-Seiten-Skript, das sich nach der Musik orientierte, an wechselnden Einsätzen, an Griffwechseln, am gesungenen Wort, an dem exquisit gesetzten Bühnenlicht. Die kompli­zier­te Aufgabe des Zu­sam­men­spie­lens, die jedes mu­sikalische Ensemble der Welt herausfordert, wurde also mit einem gestal­teri­schen Kon­zept unterlegt; dieses be­stand aus Ein­stellungs­größen und -winkeln, Ka­mera­be­we­gungen sowie einem aus­ge­feilten Lichtkonzept. Song meets movie wäre die Kurz­formel, wür­de man eine suchen. Dabei orientiert sich der Film da­ran, wie die Musik gemacht wird; die ist dann aber auch für im­mer da, konser­viert in einem ande­ren Medium, als Konserve und als Bild, als Vor­stel­lung. Das Einma­lige spielt eine untergeordnete Rolle – man ahnt in The Last Waltz das Pub­li­kum im Saal eher als dass man es sieht. Da­für wird mit der Rah­mung durch eine Bühne die ewige Wieder­kehr der Mu­sik als tema con variazioni betont. Nicht um­sonst hatte sich Scorsese das Büh­nenbild der San Fran­cisco Opera für den Abend ausge­borgt; die grandiosen Leuchter des Saals sol­len aus dem Fundus von Gone with the Wind/Vom Winde verweht gekommen sein.

In diesen theatralisch-festlichen Rahmen schneiten die restlichen Musiker hin­ein, aus allen Tei­len des Landes, aus diversen Arbeitsphasen, von der Vorbe­reitung von Tour­neen oder Alben. Es ist kaum anzunehmen, dass mehr als ein oder zwei Probe­ta­ge mit The Band zur Verfügung standen, die für die mei­sten Solisten als Be­gleitcombo die Rhythmussektion stellte, was per se nicht unbe­dingt ihre Stärke war. Obwohl es sich selbstverständlich um er­fahrene Musi­ker handelt, könnte man im Spiel der ad hoc zusam­men­ge­stellten En­semb­les ge­wisse Schwä­chen sehen – davon zeugen die bisweilen ange­merkten, ir­ritier­ten oder sich ver­stän­di­genden Blickwechsel der Mu­si­ker: “They got it now, Robbie”, befin­det allerdings Neil Young, als der Key zu “Helpless” ge­fun­den ist. Scorsese hat solche Überbleibsel des Live-Musizierens, wie auch sich als Interviewer, im Film gelas­sen. Er arbeitet das performative Ele­ment der Bühne mit Absicht her­aus: Schon am Anfang, als er Robbie Robertson manche Sätze zwei-, dreimal sagen lässt, ohne dann etwas davon herauszuschneiden, oder am Ende ei­ner der im Stu­dio nachins­ze­nierten Nummern, “Evange­li­ne” von und mit Em­mylou Har­ris, als die Ka­mera nach oben unter die Studiodecke fährt, wäh­rend die Mu­si­ker langsam und jeder für sich und in seine Richtung die Sound Sta­ge der MGM verlassen. Die Musik ist vorbei, un­ser Job ist gemacht, soll das wohl heißen, jetzt seid Ihr dran, Ihr Leute vom Film, um das Ganze attraktiv für die Nachwelt zu machen.

Was The Last Waltz weniger ist, kann man an einer einzigen Nummer ablesen: Neil Dia­monds “Dry your Eyes” ist großes amerikanisches Showbiz, Aufritt mit Thea­terdonner, Musik zum Ver­brauchen – die Gefühle stellen sich ad hoc ein, darüber hinaus bleibt wenig zurück. Dagegen setzt The Band ihre Form von Americana – a lifestyle that we got to learn in Woodstock, sagt Garth. Es ist keine Ironie, dass es sich bei The Band um Levon Helm (1940-2012) aus Arkansas sowie vier Kanadier handelt: Robbie Robbertson (geb. 1943), Rick Danko (1943-1999), Richard Manuel (1943-1986) und Garth Hudson (geb. 1937). Gefunden hatte man sich einst als Begleitband von Ronnie Hawkins, der im Film dann auch der erste Gast ist. Einige Jahre spielten die fünf Musiker als Begleitband von Haw­kins, ehe sie sich als The Band selbstständig machten. Ein wichtiger Schritt war der aus dem Melting Pot New York heraus in die Künstlerkolonie Woodstock up­sta­te im Staate New York, 60 Jahre früher das Zentrum der Arts- und Craft-Bewegung. Hier draußen war das Leben ruhiger, es wurde aller­dings nun immer häufiger unter­brochen von musikalischen Jobs, später von Tourneen. It’s a goddam impossible way of life lautet ein Schlüsselsatz für das Ende von The Band, den Robbie gegen Ende des Films äußert, und wird damit zu Inititialzündung für The Last Waltz. Noch einmal auf der Bühne gemeinsam mit viel Freude musizie­ren, das sollte ein letztes Mal demonstriert und “für immer” festgehalten werden. Das hat etwas Programmatisches, ähnlich wie die im Handwerk verwandten älteren Künste in der Kolonie Woodstock. Nicht nur spielen die einzelnen Band­mitglieder meh­rere Instrumente – Garth hat ein effektiv inszeniertes Sa­xofonsolo in “It makes no dif­ference”, Levon spielt Mandoline, Rick Danko Fiddle – auch die Auswahl der Gä­s­te wirkt wie das Zusammenkommen einer Familie oder mindestens einer alter­na­tiven Ge­meinschaft. Alle haben etwas mit The Band zu tun, des weiteren sind alle auch Teil des Aufbruchs der amerikanischen Zivilgesell­schaft, der seit den späten 60er Jahre an ge­sellschaftspolitische Ziele gekoppelt war. Wobei das Private, das Zwi­schen­menschliche, um ein Schlagwort der 68er aufzugreifen, natürlich eben­falls als poli­tisch begriffen wurde: A whole other frame of mind, nennt es Robbie.

Die beiden Kanadier Neil Young und Joni Mitchell sorgen für frühe Highlights auf der Büh­ne, wobei Mitchell bei Youngs “Helpless” schon mehr als eine backing vocal ist; beider Songs handeln von Suchbewegungen, vom Verloren- und Ver­las­sen­sein. Auch Van Morrison ist mit einem “Caravan” unterwegs; der irische Ei­gen­brötler, the unknown beast, wie ihn Scorsese süf­fi­sant an­kündigen lässt, er­schien selten so energiegeladen und gleichzeitig auf eine Band eingehend.

Scorse­ses In­ter­views verfolgen das Ziel, die Story von The Band kohärent zusam­menzufas­sen. Dazu lässt er die fünf Musiker allerlei Anek­do­ten erzählen, die aber stets die große Erzählung vor­anbringen: Rock’n roll, Singer-Songerwriter, Blues, Count­ry, Soul und schließ­lich Bob Dylan sind die Kapitel dieser Erzählung.

Der Regisseur tut sehr viel für einen guten Rhythmus, des Ganzen wie der einzel­nen Num­mern. An Emy­lou Harris’ Auftritt wirkt alles “schön” und harmonisch. Das ist der Choreogra­phie zu verdanken; die Ka­me­ra ist auf Schienen unter­wegs, fährt zwi­schen den Musi­kern, geht in die Nahaufnahme, beo­bachtet, schwingt mit. Farbiges Licht untermalt Stimmungen. Ähnlich bei einer weiteren Insze­nie­rung: Obwohl “The Weight” im Konzert gespielt wur­de, nahm man es im Stu­dio erneut auf. Der Song reift, nach “Ent­deckun­gen” wie den neu be­teiligten Stap­le Singers, zum herausragenden Clip, zum audiovisuellen Extra inmitten des Konzertfilms.

Doch da ist auch eine andere, düstere Seite. The numbers start to scare you, bemerkt Robbie, und Rick nimmt den Faden auf: Bei seiner Version von [„See the man with the“] Stage fright denkt man von heute aus unwillkürlich an Dankos Tod mit 55 Jahren; auch Manuel starb bekanntlich vor der Zeit und unter ungeklaren Umständen. Später erhob Levon Helm noch den Vor­wurf der übermäßigen Egozentrik, gerichtet an Robbertson, was durch den Film klar werde. Robbie Robbertson spielt nie mehr mit The Band. Das Buch war zu. Der Nachwelt bleibt eine grandiose filmische Erinnerung an die Klassiker des elek­trisch verstärkten Folk, einer wahren – und nicht allein amerikanischen – Volksmusik.

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