FILMTIPP #101: DER WALD, DAS FERNE (DEUTSCHE) WESEN.

Das Setting der Nachhaltigkeitsmesse in Ingelheim mit einem der Beiträge von F!F: Der Wilde Wald - Natur Natur sein lassen (D 2021) von Lisa Eder.

Die Deutschen führen mit dem Auto auf einen Parkplatz am Waldrand, heißt es in einem Katalog zum Thema Die Deutschen und ihr Wald, um danach beschwingt und gemein­hin eher ziellos im Wald herumzuwandern. So halten wir es mit Goethe: “Ich ging im Walde / so für mich hin / und nichts zu suchen / das war mein Sinn.” Wer aber nichts sucht, der findet unter Umständen doch. Oder er wird gefunden, und dann droht Unheil. Die Idylle des Waldes ist schon unter Schillers “Räubern” mit viel Aufruhr ver­bunden. Im Sturm und Drang des Dichters Heinrich Heine kommt aus dem Pariser Exil vor allem die verlo­rene, doch heiß ersehnte Heimat hervor; mit seinen Eichen und seinen Lin­den, so das vielzi­tierte Sehnsuchtsbild, werde man Deutschland ewig wieder finden.

Es schwingt oft Dräuendes, Drängendes mit, wenn vom Wald ge­handelt wird. Und der Wald scheint speziell für uns Deutsche eine Projektionsfläche, eine Utopie, da­von spre­chen die Eichenblätter auf unseren Münzen ebenso wie als das ewige Schmuck­mo­tiv auf Uniformen. Die letzten Versuche, die Deutschen kollektiv in kon­gruenter Har­mo­nie mit dem Wald, und sei sie auch noch so forciert, zu beschreiben, datieren freilich aus fer­nen Zei­ten: “Die Deutschen als Waldvolk” hieß im Untertitel der NS-Kulturfilm Ewiger Wald (1936), der derart missglückte, dass ihn selbst unter der Glas­glocke des Re­gimes niemand freiwillig sehen wollte. Merkwürdig aus der Zeit fallend auch Ernst Jün­gers Es­say Ein Waldgang von 1951; der Philosoph geht in den Wald, um eine “natür­li­che Ord­nung” wiederzufinden: “Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr.”

Tatsächlich eine Behausung im Wald findet dagegen eine vielköpfige Flüchtlings- und Partisanentruppe in Edward Zwicks Kriegs­dra­ma Defiance (2008, mit Daniel Craig), nach “wahren Begebenheiten” im heutigen Be­larus; hier ist der Wald tatsächlich Zu­fluchts­ort von Bedürftigen vor dem Feind – in Gestalt der deutschen Eindringlinge.

Fern und nur medial nah, das ist der Wald für uns Deutsche aber schon viel länger. Die Mär­chen der Brüder Grimm nehmen den Wald als Hort des Fremden und Unheimlichen; ebenso muss sich der Held Siegfried in Fritz Langs Nibelungen (1922) durch einen Oden­wald schlagen, den intrigante, verwachsene Wald­men­schen und ein Drache be­woh­nen. Der Wald hat weitere Konjunktur in den Medien: eine Konjunktur des Un­heim­li­chen. Zuletzt hielt er Einzug in ein Filmgenre, das die Deutschen sonst eher mei­den, den anspruchsvollen Hor­rorfilm. Schwei­gend steht der Wald von Saralisa Volm nach einem Roman von Wolfram Fleischhauer soll im Oktober 2022 in Kino kommen.

Wald, das ist also nicht nur eine größere Zahl von Bäumen. In der Ge­schichte der Ideen und Visionen hat Wald stets mehr bedeutet: für Kin­der der Ort, wo das Böse in mannigfaltiger Gestalt wohnt; in der Romantik ein Freiraum für das schwär­mende Individuum; im Horrorfilm treiben “da drau­ßen” gestörte Men­schen ihr Unwesen; im Abenteuer-, Survival- und Kriegs­film nutzt der Feind den Wald für lebensbe­droh­liche Hinterhalte. Und bis zuletzt ist der Wald nicht zuletzt ein Kampf­platz für poli­tische Ideen gewesen, man den­ke an den Hambacher und den Dan­nen­röder Forst, an Wackersdorf oder an die Ent­wal­dungs­aktionen in Ent­wick­lungs- und Schwellenländern. Und an den Klimawandel.

“Der Wald, als Forst längst in die Logik der Kapitalverwertung hineingezogen, muss immer noch als Sinnbild eines gesünderen, naturnäheren, menschengemäße­ren, ganzheitlichen Lebens herhalten”, schreibt der Autor und Politologe Johano Strasser in einem vorzüglichen kleinen Überblick zum “Thema und Wahn”. Wie um dem entgegen zu wirken, gibt es neuerdings Filme wie Der wilde Wald (von Lisa Eder, D 2021), ein dokumen­tari­scher Versuch, zum “Ding an sich” zu gelangen, den nicht mehr aus­ge­beuteten, allein zum Besuch genutzten Wald, den Menschen als Gäste betreten und nicht mehr als Ort für die eigene Se/h/nsüchte, Ängste und Neurosen. Noch anders theoretisch formuliert, den sie somit wie das Kino neu beträten, mit einem perspektivierten statt einem privilegierten Blick.

“Der Wald als das Undurchdringliche, Unheimliche, das den Geist zugleich ver­wirrt und erfinderisch macht, in dem man sich verliert, um sich am Ende, wenn man Glück hat oder von einem klugen Schulmeister angeleitet wird, als ein ande­rer wiederzufinden”, schreibt Strasser, und weiter: “Es war der zugleich imaginäre und wirkliche Wald, der uns erwachsen werden ließ.” Von hier ist es tatsächlich nicht mehr weit zum Kino.

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