FILMTIPP #98: FILMISCH REISEN (8 UND SCHLUSS). REISEN MIT KLAUS KINSKI.

Illustration: Foto des Vorblatts eines Buches in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt

Eine Sonderform des Reisefilms ist die Expedition in unbekanntes Gelände, wo wissenschaftliche oder andere Erkenntnisse, doch auch vielerlei Gefahren auf die Reisenden warten. Diese Filmform hat auch in Deutsch­land lange Tradition. Uns Filmfreunden kommt daher eine Anfrage des Museums an der Kaiser­pfalz zupass, eine Ausstellung zu den Naturforschern Alexander von Humboldt und Carlo von Erlanger mit einem Film zu be­glei­ten. Wir haben den naheliegen­den Griff zu Die Ver­mes­sung der Welt vermieden und statt­dessen Christo­pher Nolans Inter­stellar (2014) gewählt. So schlagen wir, grob umrissen, die Brücke vom 19. zum 21. Jahr­hun­dert und schließen alle Expeditionen ein, die, aus der Realität stam­mend oder dort auch nur irgend­wie vorstellbar, auf Kinoleinwände gewandert sind.

Expeditionen werden oft von Führerpersönlichkeiten geleitet. Manche Aus­nah­mefigur blieb so der Nachwelt erhalten, die Namen von Beglei­tern und Opfern sind tendenziell vergessen. Nun haben aber gerade die Deutschen im 20. Jahrhundert schlech­te Er­fahrungen mit Führerfiguren gemacht. Heute wird hierzu­lan­de daher jeder, der den Anspruch, irgendwo vorne dran zu ste­hen, auf seine Tauglichkeit durch­leuchtet. Im Film nach 1945 hingegen galt Einzel­gän­gertum noch viel, oft in Verbindung mit der Ver­pflich­tung auf eine nun­mehr selbst­gesetzte Moral. Männer wie Des Teufels General in Gestalt von Curd Jür­gens waren von ferne zu bewun­dern, ihnen blieb aber allerdings in der Regel auch nur der Ritt in den selbst herbeigeführten Untergang.

Mit diesem abschließenden Tipp zur filmischen Reise und zur reisenden Filmfigur will ich an Klaus Kinski (1926-1991) erinnern, der Deutschen liebster Unhold und Selbstbeschädiger nach dem Krieg bis in die 80er Jahre. Und in zwei großen Filmen Werner Herzogs auch ein Anführer, in Fitzcar­raldo (1982) und Aguirre, der Zorn Gottes (1971), der auf meiner Liste der besten Reisefilme auf Platz Zwei landet, ex-aequo mit Im Lauf der Zeit und Weit (beide in diesem Blog be­reits besprochen). Vor den drei Produk­tio­nen aus Deutschland steht auf der Liste nur noch Easy Rider (1969), und zwar nicht, weil er ein künstlerisch überra­gender Film wäre, sondern weil er als perfekter Abdruck einer Zeit gilt, in der so Vieles neu gedacht wurde. An dieser Stelle könnte daher auch Antonionis Zabriskie Point (1970) stehen; über ihn an anderer Stelle mehr.

Kinski also, der sich in der Öffentlichkeit immer so rasch wie möglich un­möglich machte, literarisch und auch mit dem einzigen eigenverantworteten Film als großer Erotomane stilisierte, und dem Werner Herzog posthum das Porträt Mein liebster Feind (1999) widmete, das auch dem F!F-Publi­kum gut gefiel. Kinski ist zweifellos eine Figur der Zeit­ge­schichte, ein Lieb­ling der 68er sowieso, zum Beispiel in der stumm-un­ver­söhn­lichen Ausle­gung seiner Figur in Il Grande Silenzio (1968), mit der Musik von Ennio Mor­ri­co­ne – über den es neuerdings eine großformartige und großartige Do­ku von Giu­seppe Tor­na­tore gibt, die in Deutschland noch nicht zu sehen ist.

Kinski also als Magnet für Wut, Hass und Trauer, wie man sie allein Perso­nen entgegen brin­gen kann, die einem medial-distanziert erscheinen, und als Figur, die eine spezifische Schuld auf sich nimmt und die man nicht zuletzt da­für auch achten darf. Selbst das Fernsehpublikum mochte den nicht sehr groß gewachsenen, drahtigen Unruhestifter, der im deutschen Kino eine selte­ne Ausnahme war, weil er so offensichtlich um sich selbst und seine Obses­sio­nen kreiste. Das Film­mu­seum Frankfurt/M. gab ei­ner dem Schau­spie­ler gewidmeten Ausstellung den einzig gerecht wer­den­den Titel: “Ich, Kinski”.

Von letzte­rem, zugeneigten Gefühl spricht auch ein Gedicht, hinein ge­kritzelt in den Fronti­spiz eines Kins­ki-Buches, das vor Jahren in der Frankfurter Uni­bibliothek auszuleihen war (s. Abb.). Die Mechanik ist kompliziert, aber sie funk­tioniert: Ein unbekannter Fan spricht als von Kinski verfasstes Buch; mit dem Furor des Erotischen ist eine Ausleiherin, ein “Mädchen” ge­meint, das der Entzündete (noch) nicht kennt. Kinowirkung um ein paar Ecken, sozusagen.

Interstellar wird am 11. November im Kunstforum Altes Rathaus zu sehen sein. Einführen in den Film wird der Filmwissenschaftler Andreas Rau­scher, der u.a. Bezü­ge zur Bildkunst der USA im 20. Jahrhundert herstellen wird.

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