Filmtipps

FILMTIPP #7: THE SHAWSHANK REDEMPTION/ DIE VERURTEILTEN VON FRANK DARABONT (USA 1994). NETFLIX.

Quelle: der Tagesanzeiger

Gut eine Stunde Filmzeit dauert es bis zur einzigen wirklich traurigen Stelle von Die Verur­teil­ten. Der alte Brooks Hatlen hat 50 Jahre Gefängnis hinter sich. In die Frei­heit entlassen, kommt er nicht zurecht. Aus freien Stücken zieht er die letzte Konsequenz, die ihm bleibt.

Drinnen wird Andy Dufresne (Tim Robbins) Brooks’ Nachfolger als Leiter der Gefängnisbücherei. Andy sitzt ein, weil er seine Frau und deren Liebhaber er­schossen haben soll. Der ehe­malige Banker ist so rein und alles-wohl-beden­kend, dass man sofort für die Wiederaufnahme seines Falls unterschreiben wür­de. Drau­ßen sei er ein ehrlicher Mensch ge­wesen, sagt er einmal, erst hinter Git­tern wäre er zum Gangster geworden: Er hilft dem dik­tatori­schen Direktor des Shaw­s­hank-Ge­fäng­nis­ses, Geld auf die Seite zu schaf­fen. Doch Andy Dufresne ist nicht nur ein missgeleiteter Hei­liger, er ist auch schlau. Von Anfang an hat er einen Plan.

Im wirklichen Leben geht die Phase des Eingesperrtseins aufgrund der Corona-Pandemie nun zu Ende. Daher ist es an der Zeit, hier auf den friedlichsten und harmonischsten aller Gefäng­nis-Filme hinzuweisen. Von The Shaw­shank Re­demp­tion wird man von Anfang an glän­zend unterhalten; darüber hinaus ist der Film ein einziges Plädoyer für Menschlichkeit, Ehre und Freundschaft. An seinem unvermeidlich posi­tiven Ende be­kommt der Film aus Hollywood sogar einen Zug ins Eschatologische. Die wörtliche Über­setzung des Titels, die “Erlösung von Shawshank”, wäre daher für ihn auch passender.

Dass man sich in der Geschichte um den sonst oft leicht unbehaglichen Tim Rob­bins (man sehe ihn in Eastwoods Mystic River!) so wohl fühlt, liegt vor allem an dem besten Freund, den ein Mann wie Andy haben kann. Morgan Free­man spielt diesen Red. Andere Männer, Freunde, sind auch noch da. Sie kommen und gehen. Das Ganze ist die platonische Liebesgeschichte eines Weißen mit einem Schwar­zen in einer harten Welt, ohne Peinlich­lich­keiten bis zum schönen Ende erzählt.

Frauen kommen, bis auf das Opfer des Anfangs, nicht vor. Und doch spielen auch Rita Hayworth, Marylin Monroe und Raquel Welch mit, aufgedruckt jeweils auf ein Plakat. Die wechselnden Diven geben der Erzählung den zeitlichen Rahmen: zwei Jahrzente ab 1946. So lange sitzt Andy ein, unschuldig, wie sich schließlich herausstellt. Genauso “unschuldig” wie das klassische Holly­wood, das in dieser Spanne nochmals blühte. Der Filmwissenschaftler David Bord­well, Kopf der einflussreichen neoformalistischen “Schule von Wisconsin”, spricht vom klassi­schen Hol­ly­wood dennoch nicht als einer zeitlich gebundenen Erschei­nung, sondern von einem Mode of Production, einem Qualitätsstan­dard. Ausschlag für die Qualität Holly­woods sei, dass ein von hier kommender Film immer gut au­sse­he und darüber hinaus von allen akzeptiert wer­de, vom so­ge­nann­ten Unschuldigen Zuschauer wie vom Cinea­sten, dem Sophisticated Viewer.

Beides belegt The Shawshank Redemption aufs Schönste. Der Film sieht so gut aus wie ein teures Auto, ein romantisches Schloss oder ein Gemälde, die man se­hend ge­nießt, aber nicht haben muss. Und er wird auf der ganzen Welt verstanden.

So ist dieser Film auch ein Stellvertreter für das oft geschmähte Hollywood, und durch das folgende Kuriosum wird dieses marktorientierte System, das Pop und Kunst produziert, vollends geadelt: Laut Internet Movie Database ist The Shaw­shank Redemption der beliebteste Film der Welt, noch vor Schwergewichten wie Der Pate und The Dark Knight. Und das seit 12 Jah­ren. Viele Millionen Zuschauer haben darüber abgestimmt und sind sich einig.

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