Filmtipps

FILMTIPP #65: BABY DRIVER VON EDGAR WRIGHT (USA 2017).

Bildquelle: filmfutter.com

Baby Driver steckt voller Musik. Die Story begründet das mit der Tin­nitus-Er­kran­kung von Miles, genannt Baby (Ansel Elgort), die er durch den dauern­den Ge­brauch seines I-pods überspielt. Dass das medizinisch wirklich sinnvoll sein kann, interessiert den Film nicht; da­für ge­winnt er eine musikalische Struktur, ge­bildet durch 30 Songs, die teils an-, teils ganz ausge­spielt wer­den. So entsteht ein Gerüst, nach dem sich Plot, Rhythmus, die At­mo­sphä­re aller Bin­nenteile und das Tempo des Ge­samtfilms richten. Mitautoren oder zumin­de­st Mit-Kom­po­ni­sten werden auf diese Weise, neben anderen, Bob und Earl mit dem „Harlem Shuffle“, die Beach Boys, das Da­ve Bru­beck Quartett, die Commodores, T. Rex, Beck, Carla Thomas mit B-A-B-Y, Alexis Korner‘s Blues In­cor­pora­ted, Martha and the Vandellas, Sam & Dave, Blur, Gol­den Earring, Young MC, Simon and Gar­fun­kel so­wie, für eine exquisite Action-Se­quenz im Film, die holländische Band Fo­cus mit der ex­ten­ded version ihres Hits „Hocus pocus“ (von der 1971er LP Live at the Rainbow).

Baby hat zwei große Talente: Er kann hervorragend Auto fahren, und er kompo­niert oder sampelt Geräusche zu Tapes, die er hütet wie einen Schatz. Mit beiden Aktivi­tä­ten, das wird im Lauf der Story klar, be­kämpft Baby ein Trauma seiner Kind­heit; und sie machen ihn beson­ders. Seine soziale Auf­merk­samkeit be­kom­men zwei Menschen ab, um die sich Baby küm­mert, der taube Stief­va­ter, den er versorgt, auch, als die Dinge sich zuspitzen, und natür­lich eine Frau: Debora (Lily James), das all-american-Girl aus dem Diner, in das Baby sich ver­liebt, weil Debbie so natürlich ist, weil sie die gleiche Musik hört wie er, weil mit ihr die romantische Flucht aus dem Alltag möglich wird… mit einem Auto, das man sich nicht leisten kann, mit einem Plan, den man nicht hat.

Das klingt nach Klischee, das der Film am Ende dann auch reichlich bedient: augen­zwin­kernd selbstverständlich, so wie er zuvor den tatsächlich leicht babyhaften Protago­ni­sten gegen die ganz harten Jungs (und ein Mädel) hat agieren lassen. Baby ist lange Teil einer erfolgreichen Zweckge­meinschaft von Krimi­nel­len unter der Führung des toughen Doc (Kevin Spacey), der all die Hold-ups ins­zeniert und kontrolliert, bei der Ausführung aber selbst nicht mitmacht. Er hätte an­nähernd die Chance, gegen Baby anzukommen, während die toughen Män­ner gegen den vermeintlichen Underdog wie Staffage wirken, wie verfallene Restbe­stän­de aus dem Genre Heist Movie, Brüder im Geiste der Antihelden von Taran­tino, Wal­ter Hill, Niklas Winding Refn oder auch, in ihrer verqueren Gangsterro­man­tik, Re­mi­nis­zen­zen an A Fish called Wanda. All diese Seherfahrungen nimmt Baby Driver auf. Und doch er wendet sich gegen die Anmutung, ein Genrefilm zu sein, indem er Genres wild gegeneinander ausspielt: Flucht­fah­rerfilm gegen Far­ce, Melodram gegen musikalische Komödie. Immer be­hält der Wille zur origi­nel­len Form Oberhand gegenüber kulturellen Rastern.

Es hat Edgar Wright sicher geholfen, seine Sporen im Genre Komödie verdient zu haben, mit parodistisch angelegten Filmen wie Shaun of the Dead oder Hot Fuzz. Oberstes Gut einer Komödie, will sie sich nicht – wie viele andere Beispiele bele­gen – auf reinen Wort­witz verlassen, ist Genauigkeit im Timing. Erst dann entsteht visual comedy. Die Meister jener filmischen Tugend sind und bleiben Buster Keaton, Charlie Chaplin und Jacques Tati; bei ihnen kom­men Spra­che, kommen Töne und auch Musik mit ihrem zur kognitiven Dominanz neigenden Aus­druck dem filmischen Bild tatsächlich selten in die Quere. Eine Gattung, an die es unbedingt zu denken gilt, will man die Qualitäten von Baby Driver würdigen, ist das Musik­vi­deo. Wie ein solches funktioniert gleich die erste Se­quenz des Films, ein Banküberall mit anschließender Fluchtfahrt. Der leuchtend rote Subaru WRX, den Baby virtuos durch Atlanta lenkt, verliert zu­neh­mend an mate­riel­ler Gestalt; er wird zur Orientierungseinheit, zum Farbfleck, an dem sich ding­liche Wahrneh­mung allein noch festhalten kann in Orgien aus Be­we­gung & Tur­bu­lenz, organisierender Musik und retardiertem Handlungsfortgang.

Das Einzigartige an Baby Driver ist die Konstruktion, die sich zusammensetzt aus einem gemachten Bett voller wohliger, nostalgischer, aufrührender oder ikonischer Musik – oft Rhythm & Soul – und einer supergenauen Inszenierung, die herausragend sen­sibel auf die Mu­sik reagiert. Was den Genuss am Bild betrifft: Zu kaum einem anderen Film gibt es ähnlich vie­le visual essays im Netz.

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