Filmtipps

FILMTIPP #40: WHIPLASH VON DAMIEN CHAZELLE (USA 2015).

Auf DVD und (gegen Aufpreis) zu streamen.

The most important thing is work. Die Mahnung des Meisters findet sich in dem schönen Requiem, das Lou Reed und John Cale posthum für ihren Men­tor An­dy Warhol geschrieben haben. Der Satz gilt für alle, die ihr Heil in der Kunst su­chen, seien sie nun bildende Künstler oder Performance Ar­tists, also Schau­spieler oder Musiker. Talent, sagen erfahrene Lehrer, mache etwa zehn Prozent vom Erfolg eines Künstlers aus. Der Rest ist Ar­beit – Ü­ben, Üben, immer wieder Scheitern, neues Sich-Aufraffen und Weitermachen.

Bemühung, Leid und Neubeginnen kennzeichnen auch den Werdegang des jungen Jazzschlagzeugers Andrew (Miles Teller), der unter die Fittiche des berühmten Pro­fessors Terence Fletcher (J.K. Simmons) an einem ebenso be­rühmten New Yorker Konservatorium gerät. Eines der komplexen Stücke, das mit der Big Band geprobt wird, heißt “Whiplash”. Es ist kein Zufall, dass mit dem Wort im Englischen ein Schleudertrauma bezeichnet wird, und ebenso we­nig, dass auch das Wort Peit­sche darin steckt: Fletcher ist kaum weniger als ein Sadist, der seine Schüler quält. Keine verbale Attacke ist ihm zu nie­der, um die ihm anvertrauten Studenten zur maximalen Lei­stung zu treiben.

Fletcher erkennt Andrews Talent. Somit hat er ein neues Opfer. And­rew übt und übt; in einem traurigmachenden Moment lässt er sogar seine ein­neh­men­de Freundin Nicole für die unsichere Karriere sausen. In der Auflösung, nach vie­len Kämp­fen, wird er sich gegen Fletcher durchsetzen. Er spielt sich frei; Nar­ben werden blei­ben. Da Andrews Vater sympa­thisch gezeichnet ist, schien sich der Sohn an dem musika­lisch großen, cha­rak­ter­lich versa­gen­den Pro­fes­sor abar­beiten zu müssen, um selbst groß oder auch nur erwachsen zu wer­den. In der Ori­ginalversion ge­lang mir nicht mitzuzählen, wie oft Flet­cher das F*-Wort im Mund führt. Dem Eindruck nach, obwohl so nicht zu­treffend, erle­ben wir ein Zweipersonenstück als einseitige Demütigung.

An Whiplash ist es möglich, Glanz und Elend jener konventionellen, po­pu­lä­ren Dramaturgie nachzuvollziehen, die wir mit Hollywood ver­binden. Es gibt die klassischen drei Teile und dazwischen Plot Points, an denen An­drew dem Duell ausgesetzt ist, und den Point-of-Re-Attack (nach 48 min.), als dem Schüler endlich ein Gegenmittel einfällt. Die Back Story, die Hin­ter­gründe der Personen ‘vor dem Film’, spielen kaum eine Rolle. Im Un­ter­schied zu Filmen, die mehrere kleine Story Arcs nutzen, gliedert hier ein ein­ziger gro­ßer Bogen die Erzählung, mit einem Ziel (Goal), das Pro­tagonist und An­ta­go­nist tatsächlich gemeinsam haben, während der Konflikt aus den ver­schie­denen Impulsen entsteht, je­nes Ziel zu erreichen. Die sogenannten “Span­nungsfragen” über­wiegen bei weitem die “Neugier­fragen”, das heißt: Wir wollen weniger wis­sen, warum ein Charakter so ge­worden ist, wie er ist, viel­mehr interessiert uns sein aktuelles, oft überra­schen­des Verhalten in ei­ner Lebenslage, die insgesamt alles andere als gewöhnlich ist.

Seit den 80er Jahren ist es im populären Film nicht mehr ausgemacht, dass es stets den guten Helden und den bösen Antagonisten gibt. Schon die Sache mit Nicole lässt einen zögern, in Andrew nur den Guten zu sehen; an diesem Punkt kommen sich Plot und Subplot, der in Hollywood fast immer eine Lie­besgeschichte ist, in die Quere. Andrews manische Energie, die jeden Rück­schlag mit noch mehr Arbeit und Engagment tilgen will, lässt einen wei­ter zö­gern, die Meisterschaft von Whiplash in einer neuaufgelegten Hel­den­rei­se zu finden, die per aspera ad astra führt. Und die Absicht, durch Ar­beit zu Glück zu kommen, hat heute auch nicht mehr jede/r auf der Agenda.

So ist also nicht die Story in ihrem Verlauf, sondern die Präzision der Insze­nierung, die Ökonomie der jeweiligen Dosis von Erfolg und Ekel, die Tempi­wechsel, die Damien Chazelle hier wie erneut im vielgelobten La-La-Land (2017) nach­­weist, den wir als F!F-open air gezeigt haben. Dieses filmische Ge­spür hat sich der Regisseur vermutlich am Schlag­zeug ge­holt, an dem er sich ähnlich wie sein Protagonist einst die Finger blutig trommelte.

Auch Whiplash gab es bei uns open air. Es war September und schon ziem­lich kalt. Man sah Decken um viele Schultern. Es ist wohl nur schöne Einbil­dung, aber in der Erinnerung haben die Ingelheimer Jazz­combo Mi­les Away und der Film die Außentemperatur spürbar erhöht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.