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FILMTIPP #26: LOST IN TRANSLATION VON SOFIA COPPOLA (USA 2003). AUF DVD UND (GEGEN AUFPREIS) ZU STREAMEN.

Bildquelle: filmtourismus.de

Eine Liebesgeschichte, die nicht zur Liebe wird. Zum Abschied gibt es nur einen herzlichen Kuss. Die beiden Beteiligten waren und sind zu ver­schie­den, und das wissen sie. Da ist der von seinem Leben wahrhaft er­nüchterte Schauspieler Bob, der nach Japan gereist ist, um für zwei Mio. Dollar eine Whiskey-Werbung ‚auf japanisch‘ aufzu­neh­men, der als Ar­gu­ment für den Kurztrip aber vor allem vorbringt, daraufhin wirke der Whis­key end­lich wieder. Bob trifft die junge Char­lotte, jüngst in Philo­so­phie gra­duiert, die ihrem mehr hibbeligen als hippen Ehemann als Be­glei­tung unnütz ist. Wegen seinem Job hat er kein Auge für sie.

Zwei verlorene Seelen? Traurig und sentimental? Kein bißchen. Ein Fest für uns. Bill Murray erschien nie entspannter und lockerer. Es muss für ihn, den seinerzeit 53-jährigen, selbst ein Fest gewesen sein, mit einer 20 Jah­re jüngeren Regisseurin zu arbeiten, einer generell jungen Crew und einer 19-jährigen Partnerin, die so natürlich wie irgend mög­lich agiert. Murrays trockener, aber nie verletzender Zynismus ist perfekt am Platz. Es dürfte dem erfahrenen Schauspieler eine Freude gewesen sein, pri­va­te jokes einzubringen, zumal Coppola der Improvi­sa­tion Raum ließ und vieles integrierte, was beim Drehen auftauchte. Nie­mand schaut außer­dem schöner als Murray nicht in die Kamera und fragt uns implizit den­noch dauernd, was dieser ganze Quatsch, Leben genannt, eigent­lich soll. Anfang dieser Woche ist Bill Murray im übrigen 70 Jahre alt geworden.

Man weiss dagegen nicht schon alles, wenn man jung ist. Manche Er­fah­rung muss man halt machen. So lautet die Lek­tion für Char­lotte, hin­rei­ßend eigentlich-nicht-gespielt von Scarlett Jo­hann­son. Sie sitzt gern am Fenster und guckt von oben auf Tokio herunter, sie reagiert auf vieles, sie ver­sucht ihren Mann zu lie­ben; sie interessiert sich sogar für Japan, be­sucht Tempel. Doch diese Fi­gur muss nicht irgendwie sein. Hier liegt das Ge­heim­nis von Lost in Trans­la­tion. In ame­rika­nischen Filmen be­kom­men Leute normaler­wei­se eins auf die Nase, rappeln sich auf und fighten zu­rück. Hier hin­ge­gen nur das richti­ge Leben – so banal, so reich, und jeden Tag kommt es einfach so wie­der.

Coppola macht reichlich Gebrauch von der japanischen Popkultur, die auf den Mitteleuropäer sehr fremd wirkt. Amerikaner können damit bes­ser umgehen, schließlich haben sie Las Vegas gebaut. Und sie machen sowieso immer aus allem das Beste. Das zeigt sich in der Sze­ne, in der so etwas wie filmische Wahrheit aufblitzt: Char­lot­te, Bob und andere feiern, die Stimmung kocht, man flirtet, tanzt, dann gibt es Ka­rao­ke mit Texten vom Teleprompter. Mur­ray, der kein bißchen sin­gen kann, ver­sucht sich an „What‘s so funny about Peace, Love & Un­der­stan­ding“ von Elvis Co­stello und „More than this“ von Roxy Music. Johannson, jetzt rosa perückt, hört hinge­rissen zu, ebenso wie alle Japa­ner, die von die­sem Ausbruch echten Ge­fühls (in falschen Tönen) be­gei­stert sind. Ein solches Cover schlägt jedes Origi­nal. An­glo-ameri­ka­ni­sche Mu­sik, die den ganzen Film begleitet & gliedert, ver­hilft uns wie kaum sonst was aus dem letzten Jahrhundert zu Ge­füh­len umso mehr, wenn sie auch noch ‚aufgeführt‘ authentisch wirken. Andere wer­den an­dere hinreißen­de Stellen in dem Film finden, aber sie werden sie finden.

Momente von Wahrheit. Nicht der Logik der Story, der Begrün­dung, son­dern des Beweises, mit dem man zuschauend mitzugehen bereit ist. Eine un­ver­gleichliche Ökonomie der Mittel, von der Regisseurin mit dem berühm­ten Namen wohl auf den Spuren, aber dann doch in Diffe­renz zum Va­ter erreicht. Statt Neo­barock, Neorea­lismus. So genau wie An­tonioni, aber im Vergleich: pures Amüsement. Ein Film, der glück­lich macht, weil die Situation der beiden Protagonisten zum Heu­len ist.

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