Filmtipps

FILMTIPP #20: Im Lauf der Zeit (D 1976). Wim Wenders zum 75. Ge­burts­tag. Der Film auf DVD und (gegen Aufpreis) zu streamen.

Bildquelle: Wim Wenders Stiftung. ©Donata Wenders

Sein Name ist absolut präsent, aber man hat Schwierigkeiten, sich an einen neueren Film von Wim Wenders zu erinnern. Am ehesten wohl noch an die Dokumentatio­nen: über den neuen Papst aus Argentinien, den Fotografen Salgado, die alten Herren aus Kuba, die so schön musizierten, die Doku über Pina Bausch. Aber Spielfilme? In den 90ern gab es noch eini­ges, aber die Ti­tel geraten einem durcheinander. Der Himmel über Ber­lin und Paris Texas sind aus den 80ern und wirken gealtert; mich begeistert allerdings heute noch Nick‘s Film – Lightning over Water (1980), die poetische Re­fle­xion zum Tod eines Hollywoodregisseurs, gedreht unter dessen aktiver Mitwirkung. Natürlich verdient auch Der amerikanische Freund (1977) Erwäh­nung, ­geprägt durch das großartig schiefe Duo Bruno Ganz und Dennis Hopper.

Doch der Film, der Wenders früh zum Klassiker machte, ist Im Lauf der Zeit (im Englischen: King of the Road, von 1976). Am Anfang rast ein Käfer in die Elbe. Der Mann, der sich zu dem unentschlossenen Sui­zidver­such hinreisen ließ, steigt bald darauf zu einem gleichaltrigen Mann in ei­nen umgebauten LKW. Die Reise beginnt. Es ist Sommer. Aber es wird dann doch weniger eine Reise durch die Zeit als vielmehr durch den Raum: den Raum der deutschen Provinz, wie sie heute noch und wohl noch lan­ge aus­sieht. Auch die Kinos sterben noch (oder wieder). Nur den Job des Pro­jektor-Reparateurs, den Bruno (Rüdiger Vogler) ausübt, den gibt es tat­säch­lich nicht mehr. Der Mann mit dem Käfer wird von Hanns Zischler ge­spielt. Er ist ein Kinderarzt aus München. Aber das spielt keine Rolle.

Das Ufer der Elbe. Ein Fachwerkstädtchen mit Kastenente. Eine Düne, in der Vogler in aller Ruhe ein großes Geschäft verrichtet. Eine aufgelassene För­der­grube bei Nacht, ein Wachtturm zur DDR hin. Ostheim vor der Rhön: oben links in Bayern. Das Kino mit Lisa Kreuzer. Kirchturmspitzen an der alten Zo­nen­grenze. Die Reise an den Rhein. Der unsterbliche Satz „Is obber a Fern­gschpräch.“ (Zischler, der ein kluges Buch über Kafka und das Kino ge­schrieben hat, kann also fränkisch. Er ist in Nürnberg geboren.) Hassfurt.

Hassfurt! So sieht jeder in jeden Film hinein, was ihm am liebsten ist. Schwar­ze Telefone mit Wählscheiben. Das Michelin-Männchen. Ein Schild mit dem Aufdruck Landesgrenze im deutschen Niemandsland. Man be­ginnt Din­ge neu zu sehen, wenn man Zeit bekommt, sie anzuschauen. Die Zeit lässt einem Im Lauf der Zeit, weil eigentlich nichts passiert. Oder weil das, was passiert, egal ist. Es könnte auch was anderes passieren. Es könnte auch was anderes gesprochen werden. Die Atmosphäre, die von einer so gut wie anonymen Münchner Band mitgetragen wird, bliebe dieselbe. An dieser Stel­le entpuppt sich die Schwäche vieler späterer Wenders-Filme: Worte sol­len den Bildern Bedeutung verleihen. Viel Bedeutung. Das war schon ein we­nig in Alice in den Städten so, dann in allen Filmen mit Handke, und spä­ter, als Wenders die Weihen des Autorenfilmers genoß, wie in Palermo Shoo­ting (2008), der das Flair der Stadt überhaupt nicht mehr einfing.

Aufschlussreich hingegen sein Audiokommentar auf der DVD, wo er sich an die improvisierte Entstehung erinnert, das Neu-Sehen und Neu-Schreiben jeden Tag. Die Beschreibung der Entstehung von Kunst sei etwas anderes als Theo­rie, auch als Philosophie, sagt man. Nach 168 Minuten Im Lauf der Zeit in Schwarz-Weiß ist man im Flow. Es könnte ewig weiter­gehen.

Die Botschaft des einen Mannes an den andern zum Abschied: „Es muss alles anders werden. So long.“ Mit diesem Film wurde einiges anders. Man konnte die Welt neu sehen. Und das funktioniert mit diesem Film immer noch.

Heute, am 14. August 2020, wird Wim Wenders 75 Jahre alt. Auch die Freun­de Ingelheimer Filmkultur gratulieren.

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