Filmtipps

FILMTIPP #14: EIN TAG LANG FERNSEHEN (6. JULI, ARTE, 13:45 BIS 0:35 UHR)

Den kommenden Montag könnten Sie, wenn die Zeit dafür da ist, als Film-im-Fern­se­hen-Tag gestalten. Um 13:45 Uhr geht es bei Arte los.

Als ersten Film gibt es The Man from Colorado/Der Richter von Colorado, einem Columbia-Produkt aus der Schublade des “hysterischen Western”. Ich muss dazu sagen, dass ich keine Kunst und kein Filmgenre für besser geeignet halte, die Wandlung der Vereinigten Staaten von Amerika vom idealistischen Weltverbesserer um 1940 zur anti-kommunistischen, rassistischen und durch seine Waffengewalt global dominierenden Supermacht um 1960 für besser geeignet halte, als den Western. “Wie sein Held ist der ganze Film ein bißchen wahnsinnig und und entsprechend faszinierend. Glenn Ford ist zum Fürchten gut in einer Rolle, die ihm nicht auf den Leib geschrieben ist”, schreibt Joe Hembus in seinem unverzichtbaren Western-Lexikon.

Direkt im Anschluss, um 15:20 Uhr, geht es weiter mit dem Klassiker L’Ascenseur pour l’Echaufad/Fahrstuhl zum Schafott von 1957. Dies ist der Debütfilm des 24-jäh­rigen Louis Malle und gleichzeitig der Auftakt zur Nouvelle Vague in Frankreich. Natür­lich ist der Film amerikanisch inspiriert, ein film noir in Paris: Ein schöne Frau überredet ihren Liebhaber, den Ehemann umzubringen; weil der Mörder von einer schwar­zen Kat­ze abgelenkt wird, muss er zum Tatort zurück und bleibt dabei im Aufzug stecken, der Hausmeister hat fürs Wochenende den Strom abgestellt. Ein unterkühlter Krimi, der eine atmosphärische Aura hat und noch den Geist der Existenzialismus atmet. Und trotzdem in die Zukunft weist: Als Geniestreich erwies sich, den Trompeter Miles Davis im Studio zu den Bildern des Film improvisieren zu lassen. Das Ergebnis ist ein Gipfeltreffen von Bild und Musik, den beiden großen Emotionstreibern im Kino.

Eine Pause ist nun verdient, die mit Sport, Fahrradfahren und Abendessen angefüllt wer­den kann. Um 20:15 Uhr geht es weiter mit dem nächsten Klassiker, und nun folgt ech­ter Wahnsinn: In Ich kämpfe um Dich/Spellbound (1945) von Alfred Hitchcock hält sich Gregory Peck für den neuen Direktor einer Irrenanstalt, dabei ist er Insasse; tat­säch­lich ist der neue Direktor vom alten ermordet worden. Dennoch flüchtet Peck – er selbst hält sich für den Mörder. Die Flucht wird zur Reise ins Innere, zu den ver­schüt­te­ten Ur­sprüngen des Ichs. Immerhin hat der Beschuldigte bei dieser Reise die un­er­schüt­terliche Ingrid Bergman an seiner Seite. Spell­bound wurde zum Psychiatriefilm Hol­ly­woods schlechthin, weil es zuvor auch mit einer Million Dollar nicht gelungen war, den Meister Sigmund Freud von der Verfilmung seines Leben zu überzeugen. Besser so: Hitch­cock bot einen anderen Genius auf, den Maler Salvador Dalí, auf seine Weise ir­gen­d­wie auch ein Borderliner. Dalí gestaltete die Traumsequenzen des Films in surrealer Manier.

Wer jetzt nicht genug hat von gespaltenen Persönlichkeiten, der kann um 22:00 Uhr noch den Lieblingsverrückten der alten Bundesrepublik treffen: Klaus Kinski, seit den 50ern im deutschen Film der Psychopath schlechthin – noch als Gärtner zu irre, um als Mör­der ­zu überzeugen. Für Werner Herzog spielte er fünf Mal, neben einem Vampir und dem braven Soldaten Woyzeck dreimal Eroberer, die grandios scheitern. In Fitz­car­raldo (1982) eroberte er immerhin das Herz des Publikums (s. Foto). Nie sonst war Kins­ki so weich, so harm­los und ein­fühlsam. Das liegt an seiner Freundin, der warmher­zigen Hure Molly (Claudia Car­di­na­le), und am Traum von der großen Oper im Urwald. Dieser Traum treibt B.S. Fitzge­rald an, ihn, den die Indios des peruanischen Urwalds umtaufen. Am En­de lassen sie ihn dann schei­tern. Den­noch triumphiert Fitzgerald, auf dem Deck sei­nes ha­varier­ten Schiffes der Stimme seines Idols Caruso lauschend, die aus einem Gram­mo­phon­ schallt. Der Neue Deutsche Film hat kaum ein grandioseres Bild hervor­ge­bracht. Falls Fitzcarraldo in Ihrer Filmbildung fehlt, gibt es nun die Gelegenheit zum Kennenlernen.

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