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FILMTIPP #15: PORTRAIT DE LA JEUNE FILLE EN FEU/ PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN VON CÉLINE SCIAMMA (FRANKREICH, 2019). AMAZON PRIME.

Bildquelle: portaeteinerjungenfrauinflammen.de

Der Maler und sein Modell ist ein Lieblingsmotiv der Kunstgeschichte. Wobei der Maler oft selbst nicht sichtbar wird, weil er ja malt, also hinter oder sogar außerhalb der Lein­wand bleibt, während das weibliche Modell für ihn po­siert: angezogen und sitt­lich, wie bei Ver­meer im bürgerlichen Holland, oder nackt und sinnlich wie die eine oder andere Ve­nus, Susanna, Eva oder Nana. Solche Bil­der sind heute noch in allen großen Mu­seen der Welt zu sehen. Für Gender-Theoretike­rin­nen war und ist diese Blick­be­zie­hung – der Mann als aktiver und dominanter Part, die Frau als das angeschaute und zur Passi­vi­tät verdammte Objekt – seit den 1970er Jahren eine permanente Her­ausf­orde­rung.

Während bis heute viele Filme genau dieses Stereotyp reproduzieren – “schaffen­der” Mann, sei es als Regisseur, sei es als voyeuristische Betrachter der schönen Frau – gibt es im Kino, anders als in der Malerei, frühe Ausnahmen: der Auf­stand der fotografi­schen Objekte in Blow-up (1966), die derart zu Subjekten werden, oder die Protago­ni­stin von La Belle Noi­seuse/Die schöne Que­rulantin (1991), die als Nackt­modell nochmals mit einem Ma­ler kämpft; sie gewinnt diesen Kampf sogar. Niemand aber ist in der Dar­stel­lung des Kon­flikts bisher so weit gekommmen wie Céline Sciam­ma mit ihrem preis­ge­krön­ten Portrait de la jeune fille en Feu/Porträt einer jungen Frau (2019), der vor der Pandemie noch kurz im Kino zu sehen war und nun im Netz steht.

Sciammas List ist es, fast ausschließlich Frauen auf der Leinwand agieren zu las­sen. Nur ein- und ausgangs sind Männer überhaupt zu sehen: als Lakaien. Der Ma­ler ist in diesem Film also eine Malerin, so wie das Ganze von einer Re­gis­seu­rin inszeniert wurde. Dennoch spielt der Geschlechterkonflikt eine tragende Rolle, denn die eine Frau soll die andere malen, damit ihre Mutter sie damit einem Mann im fernen Mailand anpreisen kann: Er soll Héloïse (Adèle Hae­nel) nach dem blo­ßen Augenschein des Gemäldes als Ehefrau akzeptieren. Sie spielt da nicht mit.

Wir befinden uns im späten 18. Jahrhundert, in einem Kostümfilm, der selbst hin­reißen­de Bilder gegen solchen Missbrauch des Bildes setzt. Immer wieder gehen die bei­den jungen Frau­en, Malerin und Modell, aus dem feudalen Haus, indem sie Wo­chen mit­ein­an­der verbringen, hinaus an den tosenden Atlantik der Bretagne. Hier draußen zäh­len Worte wenig; die Annäherung, das Sich-Kennenlernen und schließ­lich die Lie­be bahnen sich vorsichtig an. Dem folgt die Kamera. Wenn es je so et­was wie einen eigenen weiblichen Blick im Kino gibt, dann ist hier zu sehen, im Nachziehen der Linie eines Nackens, in der Blässe jugendlich-verbor­ge­ner Haut, in nicht genormten Eigenheiten jener Art, an der sich Liebe entzündet.

Wohlgemerkt, wir befinden uns in einer Erzählung, die einem ganz eigenen Rhyth­mus folgt, einem sehr langsamen meistens. Höhepunkte dramatischer Art sind rar – dann aber opulent. Das lässt sich an den lediglich drei Stellen darlegen, an de­nen Mu­sik ertönt: Auf einem Fest, an dem viele Frauen ausgelassen mit­einander feiern, vor allem im Schlusstableau des Films, in dem sich Hé­loïse im Rückblick der Lie­be zu Marianne erinnert, die da längst vorüber ist. Man sieht die Lie­be auf ihrem Gesicht, während sie im einem Konzertsaal Vivaldis “Sommer” hört. Dieses Stück hatte sie, drittens, einst mit Marianne am Cembalo geprobt, und ihre Erschüt­terung im ak­tuellen Moment ist offensichtlich durch die Erinne­rung an die ver­flos­sene Freun­din hervorgerufen. Allein für diesen Augen-Blick lohnt sich der Film.

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