FILMTIPP #107: FILM UND TIERE (3). MENSCHEN UND BESTIEN.

Mark Tansey, The Innocent Eye Test (1981). The Metropolitan Museum, New York

Der Alte Affe Angst. Joseph Beuys und der Coyote. Der sizilianische Leo­pard mit seiner riesigen Dogge, der sich von “Hyänen und Schafen” bedroht sieht. Der gespenstische “Ha­se” in Donnie Dar­ko. Der Sänger Van Morrison, der “den Löwen” in sich sprach­malerisch grun­diert. Vielerlei Kunst ent­wickelt offen­bar einen Zug zum Tier, sobald dunklere Sei­ten im Menschen be­schrieben werden sol­len. Einen Hin­weis auf den mög­li­chen Ursprung dieser Unge­heuer gab Johnny Cash am Be­ginn seiner letzten großen, klar­sichtigen Platte: And I heard, as it were, the noise of thun­der / One of the four beasts saying / Come and see / And I saw, and behold a white horse.

Nur manchmal sind Tiere im Kino so rein wie das weiße Pferd oder der Pegasus, den ein Kinokonzern zu sei­nem be­weg­ten Logo gemacht hat. Was man im Kino sieht, ist oft krasser: Ungeheuer, Bestien, die genau hier eben zum come and see, zum “Kommen und sehen” verleiten. Der Baptist Cash hat sich an der Bibel inspiriert. Seine vier Be­stien oder Bie­ster fin­den sich im Siebten Kapitel des Buches Daniel, ei­nem Traum – und gleichzeitig der Blick in ein Be­stiarium. “Vier große Tiere” kom­men aus dem Meer, das erste “wie ein Löwe mit Flügeln wie ein Adler, die ihm ausgerauft, und ihm ward ein menschlich Herz gegeben”; so geht es da­hin bis zum letzten “schreck­li­chen und greulichen” Tier, stark, mit eiser­nen Zähnen und Hörnern, die im­mer neu ausbrechen. Biblisch ge­se­hen, steckt da natürlich der Teufel dahinter.

Fragt man jüngere Menschen nach ihren Lieblingsbestien, Ungeheuern oder Dämo­nen, kommen nach einem Moment des Erstaunens vielerlei Antworten, doch die Erklärung, warum solche finstere Sympathien bestehen, bleibt diffus. Eher als auf Tiere, wie Kinder dies tun, setzen junge Erwachsene auf Men­schen-Be­stien, die wiederum das Aussehen von Tieren annehmen oder meta­pho­risch als solche beschrieben werden. Das abge­spal­tene Böse ist je­den­falls meist das/der Ande­re, mit dem man sich nicht zu identifizieren vermag.

Tieren das Fremde & Eigene einfach zu belassen, fällt auch dem Kino offen­bar schwer. Der kon­ven­tionelle Tierfilm zeigt Tiere gern in ihrem Habitat, deutet ihre Instink­te aber wie von Mens­chen Ge­wohntes. Disney war hier lan­ge Vorrei­ter. Ein Schwein­chen na­mens Babe, Bärenbrüder, Ra­ta­touille heißt das Normalpro­gramm. Dabei würde eine andere Sicht der anderen Seite eventuell mehr Span­nung bringen: Haben auch Tiere ihre eigene Sicht der Dinge, ein „unschuldiges Auge“? (s. Abb.) Während des Nachhaltigkeits­fe­stivals haben wir in diesem Frühjahr den Film Gunda gezeigt, der diese Ver­mutung aufkommen lässt: die Welt in der Perspektive eines Haus­schweins, gesehen mit dem Blick auf den Alltag des Schweins, in dem ver­gleichsweise wenig bzw. für uns kaum Uninteressantes passiert. Ein Experiment.

Haben Tiere ihre eigene Sicht? Oder sind sie nur von Instinkten getrieben, wie der riesige Bär, der den Reve­nant Leonardo di Caprio fressen will? Dann wären sie so seelenlos wie die com­puter generated images, die solche Unge­heuer heute bereits in der Re­gel fürs Kino beleben. Was echte Tiere mit Men­schen machen, die ihnen ein Zuviel an ‘Mensch­lichkeit’ zu­gestehen, kann man am Fall Timothy Tread­well sehen (s. Filmtipp 74). Das ist grausam und skurril, schafft aber kaum lust­vol­le Kino-Angst. An diesem Ort suchen wir lieber Unge­heuer auf, die mensch­liche Züge auf­weisen, im ent­scheiden­den Moment aber abwei­chen und uns fremd und eben doch ungeheuer bleiben.

Beispiele dafür sind Legion; die Ungeheuer des Kinos sind so vielfältig wie die Menschen, die sich vor ihnen gruseln. Für Kinder kann das eine animierte Frau Malzahn sein, für Fan­ta­sy-Fans der Wolf Fenris, für Südamerika-Fans ein Geistwesen wie der Boraro, für hartgesottene Kino-Intellektuelle die Men­schenmonster aus Funny Games oder Pasolinis Salò. Filmische Bestien, die sich, wie die letz­ten Beispiele zei­gen, allein durch ihr Tun und nicht ihr Aussehen aus­zeich­nen, haben den Vorteil der An­schau­lichkeit. Hier wer­den nicht mehr individuell-ferne Geschichten erzählt, son­dern Parabeln, die vor etwas war­nen, über eine latente Gefahr aufklären. Nichts anderes tat Sigmund Freud, als er das Lächeln der Mona Lisa und ih­rer Mut­ter mit einem Traum erklärte, in dem ein Geier mit seinem Flügel – Freud schreibt “Schwanz” – “viele Male” gegen die Lip­pen des Malers Leonardo da Vinci “gestoßen” habe: So befremdlich die Schlussfol­gerung Freuds bleibt, der damit Homo­sexualität erklärte, sein ‘Beweis’ hat etwas: das unergründliche Lächeln der Frauen Da Vincis.

Es geht auch um Eingängigkeit des Bildes, und um seine dar­stel­lerische Qua­lität. Das haben die Produzenten der wortbasierten Bibel erkannt oder auch die Autoren der anti­ken Sagen, in denen sich, etwa in den Taten des Herakles, der Be­schrei­bung nach die tollsten Bestien tummeln. Im großanlegten Herak­les-Projekt des Filmessayisten Lutz Dammbeck wird der Mythos ak­tuali­siert. Übertragen wird hier der Eintritt des Individuums in die Gemeinschaft ver­han­delt. Oder auch das Fernbleiben – wenn das “Tier”, wie die einstige DDR-Staatsmacht für den Künstler Dammbeck, zu feindlich bleibt. Nutzen Künst­ler die Meta­pher des Tieres, geht es meist um mehr – um den Men­schen selbst und sein Einfinden in die Gesellschaft. Und seinen Frieden mit sich.

Das macht noch einmal Johnny Cash deutlich: The beast in me / Is ca­ged by frail and fragile bars / Restless by day / And by night rants and rages at the stars. Man hört den gebrochenen sonoren Bariton, der keinerlei Ge­wiss­heit über das fast zu Ende gelebte Leben ausstrahlt. Eine große Performance.

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