FILMTIPP #56: DER NACHTMAHR VON AKIZ (D 2016).

Bildquelle: Frankfurter Goethe-Museum

Wenige Tage vor dem 18. Geburtstag ist im Leben der Berlinerin Tina (Carolyn Grenzkow) nicht viel in Ordnung. Auf die besten Freundinnen kann sie sich nicht verlassen, der von ihr angehimmelte Adam, ein coo­ler, aber schräger Typ, verhält sich diffus. Den größten Stress verursa­chen Tinas Eltern: gut situierte, besorgte und dabei ziemlich verspannte Menschen, die eine schöne Villa im Grü­nen bewohnen. Ihre einzige Toch­ter haben sie offenkundig gegen ihren Willen einem Neurologen an­vertraut und erwägen nun gar, sie für einige Zeit in eine Klinik ein­wei­sen zu lassen. Die Begründung dafür ist, neben den für das Alter wohl nicht ganz unüblichen Erfahrungen mit stimmungsstei­gernden Sub­stan­zen, eine übersteigerte Wahrnehmung, die Tinas Umwelt nicht immer mit ihr teilt. So kommt es gleich zu Beginn, nach einer ausgelas­senen Techno­party, zu einem Unfall, bei der eine junge Frau auf der Stra­ße mit voller Wucht von einem Auto erfasst wird. Das könnte Tina sein; ihre Verlet­zungen lassen im Nachhinein darauf schließen, dass zumindest die Schwere des Unfalls nur in ihrer Phantasie existiert.

Ein Film mit einem Rätsel also. Das Ganze wird nicht einfacher, als Ti­na nach einem Drittel des Films ein kleines, skurriles Lebewesen zu se­hen beginnt und fortan immer näher an sich heran­lässt. Auf Besuche des „Nachtmahrs“ am Kühlschrank, im Badezimmer rea­giert Tina anfangs panisch; das wird sich im weiteren Verlauf ändern, und gegen Ende des Films übernimmt sie sogar den Schutz des kleinen, tierähnlichen Aliens. Es ist keine Freundschaft, die da entsteht, eher eine Symbiose gegen die Umwelt, jeweils feindliche oder nur geschockte Men­schen. Wie gesagt, wir wissen nicht, wie real das merkwürdige Lebe­we­sen wirklich ist: Es gibt Anzeichen daher, dass der „Nachtmahr“ so et­was wie das Alter Ego von Tina ist, ihr Unterbewuss­tes oder wie immer man es nennen mag. Jeden­falls hat Tina eine Wunde an derselben Stelle, an der dem Nacht­mahr etwas angetan wird. Wenn er/es blutet, blutet sie ebenfalls.

Ein Film, wie gesagt, mit einem Rätsel. Wir haben AKIZ daher einge­laden und ihn nach seiner Idee und der Funktion des Wesens für die Erzählung befragt. Kaum verwunderlich war, dass die Inspiration und das Aussehen von Johann Heinrich Füsslis Gemälde von 1781 (heute in Detroit) bzw. 1790/91 (Goethehaus, Frankfurt) stammt. Dort sitzt ein ent­sprechend ver­wachsener, kleiner „Alb“ auf der Magenkuhle einer dahin gestreck­ten, schlafenden „weißen“ Frau; ein ausgewachsenes Einhorn, durch einen Vorhang lugend, doch ohne Augäpfel, komplettiert die Sze­ne. Auf die Faszination für die Symbolisten spielt im Film auch ein Ge­dicht Wil­liam Blakes an, das in Tinas Englischunterricht mehr schlecht als recht inter­pretiert wird: Die Rätsel werden an uns, das Publi­kum, wei­tergelei­tet. Hier hilft das Gemälde weiter. Bei Füssli wird deut­lich, dass es um Mischwesen geht, die nicht wirklich existieren, die sich der di­rek­ten Wahrneh­mung entziehen, um als Dämonen im Schlaf oder Traum umso inten­siver aufzutreten. AKIZ ist aber mehr gelungen als die Ak­tualisierung eines symbolistischen Bildes, das offen­kundig zu seiner Zeit auf den Skandal abzielte, den eine sinnenfeind­liche Ge­sell­schaft dann ganz willig nachvollzog. Niemand ande­res als J.W. Goe­the hat Füssli in der Schweiz besucht und bereits früh gewarnt: „Ha­be ei­ni­ge Fues­lische Gemählde … erwischt, über die ihr erschröcken werdet.“

Der Nachtmahr ist dazu eine zeitgemäße Allegorie; die Tech­no­parties, die grausamen Zugeneigtheiten der Teenager, die Nega­tion je­der Nor­malität in diesem Alter, all das ist so gelungen über­setzt, das man sich als Zuschauer tatsächlich kaum einen Mo­ment lang wohl­ fühlt. Gleich zu Beginn warnen uns Texttafeln vor iso­chro­ma­ti­schen und bin­au­ralen Sounds; als nächstes erfolgt die Auf­for­de­rung an die Kino­betrei­ber, die man sonst von Rockfilmen kennt: This mo­vie should be pla­yed loud, heißt es dort gern. Und sollen Ki­no­zuschauer im Nachtmahr überhaupt viel von den leise abgemischten Dialogen verstehen? Der Tech­no­beat fliegt ei­nem buchstäblich um die Ohren. Ein Film der Ent­fremdung einer Person von ihrer Umwelt, sicherlich kein Nor­mal­fall, aber auch nicht völ­lig abwegig; dass Tina konsequent ihren eigenen Weg geht, mag ei­nen schon wieder gelassener stimmen. Ein Co­ming-of-Age-Drama der ganz au­ßergewöhnlichen Art, zumal aus Deutsch­land. Gut, dass es auch hier­zulande bildende Künstler gibt, die sich um den Film kümmern.

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