Was Kino kann – 99 Filmtipps

Das lang ersehnte Buch der Filmfreunde jetzt im Handel:

Die Freunde Ingelheimer Filmkultur haben im renommierten Filmbuchverlag Bertz + Fischer, eine Sammlung mit 99 Filmtipps und wie man Kinoveranstaltungen nutzen kann, um Menschen im öffentlichen Raum zusammen und in Diskussion bringen kann herausgebracht. Das 268 Seiten starke Taschenbuch, in dem in medientheoretischer und populärwissenschaftlicher Diktion die Veranstaltungen und Filmereignisse aufgearbeitet und besprochen werden, wurde nun der Öffentlichkeit vorgestellt.
Mit den Filmtipps und Vergleichen könnten andere Städte und Gemeinden Inspiration und Anleitung zur Gestaltung eigener „Filmräume“ bekommen und in Zusammenarbeit mit lokalen Kinobetreibern einen Beitrag gegen das allgemein befürchtete Kinosterben leisten und Menschen im öffentlichen Raum zusammenbringen um kontroverse Filme zu diskutieren.
Das Motto »Besondere Filme an besonderen Orten« bestimmte die Auswahl immer neuer Locations, an denen die »Freunde Ingelheimer Filmkultur (F!F)« ihre Veranstaltungen durchführten: Kino auf Baustellen und in Tiefgaragen, in Kelterhallen, einem Flugzeughangar oder im Bauch eines am Rhein vertäuten Lastkahns. Mit dem Beginn der Pandemie begann der Medienwissenschaftler Thomas Meder einen wöchentlichen Blog für die Vereinsmitglieder mit Hinweisen auf neue und alte Filme, Blockbuster und Geheimtipps. Was ursprünglich als Service für »das Kino zuhause« gedacht war, entwickelte sich in das genaue Gegenteil: Ein Plädoyer für den öffentlichen Ort, den man aufsucht mit der durchaus ernst gemeinten Frage: Was kann Kino?
Das mit Filmfotos, Plakaten und Grafiken üppig bebilderte Buch funktioniert als Ideenfundus für Kinomacher*innen ebenso wie als Wegweiser für das Publikum.

Alles ist gut

23. November | 19 Uhr | Altes WBZ Ingelheim, Wilheim-Leuschner-Str. 61 | VVK 10€

Ein stiller, sehr genauer Film zu einem brisanten Thema und der Beitrag von F!F zum Orange Day. Es geht um das Thema Sexuelle Gewalt. In Mainstreamfilmen ist das Sujet leider ziemlich beliebt: Unter dem Deckmantel der gerechten Sache wird es gerne mit Gegengewalt und einer anscheinend mehr als angebrachten Rache verhandelt. Nicht so in Eva Trobischs beeindruckendem Abschlussfilm an der Filmhochschule München. Da trifft Janne bei einem Klassentreffen auf einen ehemaligen Mitschüler, der sie im Anschluss an die Feier zunächst bei ihr zuhause, wohin er „zum Pennen“ mitgekommen ist, bedrängt und schließlich missbraucht. Tage darauf trifft sie ihn wieder, diesmal am Kopierer in ihrer Firma – er ist neu eingestellt und sie muss sich zu ihm und dem vorhandenen Trauma positionieren. Janne versucht die Sache mit sich selbst auszumachen: Sie will kein öffentliches Opfer sein und die berufstätige und selbstbestimmte Frau bleiben, die sie war. Das bringt ihr eine Menge neuer Konflikte.

"Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" D 1927 Fotocollage von Umbo "Der rasende Reporter", 1926

Berlin – Die Sinfonie der Großstadt(1927)

IM RAHMEN DER AUSSTELLUNG ERNST LUDWIG KIRCHNER DER INTERNATIONALEN TAGE INGELHEIM

Mittwoch 31. Mai | 18.30 Uhr | Foyer des Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus | VVK 10€ | Das Kombiticket berechtigt zum Veranstaltungs- und einmaligen Ausstellungsbesuch

Ruttmanns Film schaffte es, bis heute in den Geschichten der Weltkinematographie vertreten zu sein, indem er einen einzigen Frühlingstag der Metropole zeigt, ohne Schauspieler, ohne Story, nur: morgens – vormittags – mittags – am Nachmittag – am Abend. Zu Beginn erwacht die Stadt, ein einzelner Mensch geht zur Arbeit, dann viele. Züge rollen ein, Maschinen beginnen mit dem Tag-werk. Gegen Mittag wird die Hektik geringer, kommt der Organismus kurz zur Ruhe, ehe das Crescendo wieder einsetzt und unter stetigen Rhythmuswechseln mit den abendlichen Vergnügungen zu seinem Höhepunkt findet. Daß eine solche Struktur für den Kritiker Willy Haas zum „größten, grundsätzlich wichtigen Filmereignis seit vielen Jahren“ wurde, lag an den Möglichkeiten der Montage. Mit ihr wurde die Filmkunst musikalisch, ohne das Primat des Optischen einzubüßen. Ruttmanns Werk, heutiger Clipästhetik nicht unverwandt, verwirrte dagegen Kritiker, die unter den Reiz der filmischen Oberfläche eindringen und auch ein soziales Leben erkennen wollten.

Thematische Einführung von Nina Goslar (ARTE/ZDF), die 2020 mit dem Deutschen Stummfilmpreis ausgezeichnet wurde. Nach dem Film Gespräch mit Bernd Thewes (Komponist), der 2007 die Originalmusik für Orchester rekonstruiert hat.

Das Café im Kunstforum hat bis 19:00 Uhr für die Besucher:innen geöffnet.

Berlin-Alexanderplatz (1931)

IM RAHMEN DER AUSSTELLUNG ERNST LUDWIG KIRCHNER DER INTERNATIONALEN TAGE INGELHEIM

Dienstag, 20. Juni  | 19:30 Uhr | Evangelische Versöhnungskirche, Martin-Luther-Str. 10 |  VVK 10€ | Das Kombiticket berechtigt zum Veranstaltungs- und einmaligen Ausstellungsbesuch

1928 kam Alfred Döblins bahnbrechender Roman heraus. Piel Jutzis Film – “der Film nach dem Buch” - besteht einerseits aus rasanten Einstellungsfolgen des Berliner Großstadttrubels, zum weitaus größeren Teil entwickelt er sein Thema, das immer wieder scheiternde Resozialisierungsprojekt des Franz Biberkopf, aber in eher bedächtig erzählten Bildern, die ein eigentlich schon verblasstes Altberliner Lokalkolorit nostalgisch beschwören, in Miniaturen, die mit dem Lebensstil vor dem Ersten Weltkrieg mehr zu tun haben als mit dem Berlin der “Roaring Twenties”. Scharfe Klassengegensätze, professionelle Kriminalität, Prostitution, all das findet sich nur angedeutet.  Auch der avantgardistisch-filmische Stil der Romanvorlage blieb ungenutzt, dagegen setzte man auf die joviale, körperbetonte Präsenz eines Heinrich George, der mit der neuen Epoche – der Moderne – nicht mehr wirklich zurecht kommt. Der Film: ein einzigartiges Dokument, in dem die 20er Jahre aus der Sicht mehr oder weniger “normaler” Menschen zusammengefasst sind. Mit thematischer Einführung zum Verhältnis von expressionistischer Malerei und Film von Dr. Thomas Meder.

Schweigend steht der Wald 

7. Juli | 19:30 Uhr | Weingut Mett & Weidenbach, Kelterhaus, Mainzer Straße 31 | VVK 10€

Anja ist Praktikantin in der Forstverwaltung, in der Oberpfalz im Jahr 1999. Sie hat den Auftrag, den Wald irgendwo zwischen Neustadt und Weiden zu kartieren und Bodenproben zu entnehmen. Genau in dem Waldstück, wo vor 20 Jahren ihr Vater verschwunden ist. Aber das enthüllt der Film erst nach und nach, in der ersten Viertelstunde verzichtet er mutig auf Erklärungen, so wie sich das förmlich unter dem Waldboden liegende Verbrechen auch wie ein Puzzle zusammensetzt. Anja entdeckt, dass auf einer Lichtung erstaunlich hohe Konzentrationen von Kalk vorkommen. Ein Massengrab: Die Bewohner des Dorfes haben Fliehende von den Todesmärschen des KZs Flossenbürg erschlagen und verscharrt. Das bedeutet aber nicht, den Schluss des Films zu verraten. Und der ist viel pessimistischer als in dem zugrunde liegenden Roman von Wolfram Fleischhauer.
Der Autor selbst hat seinen Roman adaptiert und etwa auch eine überflüssige Liebesgeschichte weggelassen. Und Saralisa Volm, die bislang als Schauspielerin (etwa für Klaus Lemke) und Produzentin gearbeitet hat, legt mit ihrer Verfilmung ein beeindruckendes Debüt vor, das furios Horror, Krimi und Selbstfindung mischt in der Aufdeckung des grausamen Verbrechens und mit einer immer geheimnisvollen Atmosphäre punktet. (epd Film, 11/2022)

Les Misérables

15. Juli  | 22:30 Uhr | Aula Regia Im Saal | VVK 5€

Aufruhr und Randale im Bezirk Monfermeil von Paris, verursacht von zwei Jugendlichen. Der eine klaut ausgerechnet einem Bandenchef ein Löwenbaby, der andere filmt unschuldiges und schuldiges Handeln mit einer Drohne. Kaum eine Figur des Dramas kommt am Ende ungeschoren davon: nicht die Schwarzen, nicht die Muslimbrüder, eine Mädchenclique oder auch die „Zirkusleute“, die das Löwenbaby vermissen und brutal zurückfordern. Die unsympathischste Figur ist aber ein weißer Polizist, ein „echter“ Franzose, der mit seinen üblen Launen nicht nur die Einwohner¬Innen des Viertels, sondern auch seine beiden Teamkollegen drangsaliert. Die meisten anderen „Ver¬lie¬rer“ des aus Mali stammenden Regisseurs haben ihre Würde und ihren Witz, ihre verdor¬be¬ne Spra¬che und ihre Schwächen, aber sie versuchen, bis auf wenige, das Beste.
Der Film war in Frankreich ein Überraschungserfolg, zumal er den Roman von Victor Hugo nicht noch ein weiteres Mal nacherzählt, wie so oft geschehen, sondern auf eine zeitgemäße Ebene hebt. Neu ist hier die prominente Rolle der Jugendlichen. Sie wissen, was sie tun, können die Folgen aber nicht immer abschätzen. Der Film macht eine reale Perspektive auf, insbesondere auf Außenseiter des reichen Paris, und fährt wie ein Schlag in die Magengrube.

Die Flügel der Menschen 

15. September | Weiterbildungszentrum Großer Saal | 21 Uhr | Im Rahmen des Freundschaftsfestes | Eintritt frei

Der Regisseur Aktan Arym Kubat erzählt vom provinziellen Leben in Kirgisistan, von tief wurzelnden Traditionen und auch von Umbrüchen, die nicht zu übersehen sind. Er zeigt sich dabei seiner Heimat sehr verbunden. Und spielt selbst einen Mann, der mit einer taubstummen Frau und dem Sohn in einem Dorf noch wirklich zu Hause ist. Dieser Mann wird „Centaur“ genannt, nach jenen sagenhaften Figuren, die in der Mythologie der Nomaden „Flügel der Menschen“ heißen. Das weiss nur kaum einer mehr; wer sich entsprechende „Flügel“ leisten kann, kauft heute einen SUV. Auch die echten Pferde, mit denen so lange eine mythische Verbindung bestand, sind nun eher Statusobjekte. Nicht so für Centaur, der auch schon als Kinovorführer gearbeitet hat und zumindest die eigenen Wünsche und Sehnsüchte kennt. Die Sorge um den sprachlosen Sohn mischt sich für ihn mit der Bekanntschaft einer jungen Straßenhändlerin, zu der Centaur bald mehr als Freundschaft empfindet.- Der Film nimmt einen mit in die Geschichte und gibt doch den Blick auf die Realität frei - ein Stück poetischer Realismus, ein Mikrokosmos der Welt aus einem entfernten Winkel dieser Welt.

Walchensee Forever

27. Oktober  | Haus Burggarten, An der Burgkirche 13 |  19 Uhr | VVK 10€

Ein Café am oberbayrischen Walchensee. Vier Generationen von Frauen, die hier zuhause waren. Die jüngste ist die Filmemacherin: Sie zeigt Bilder ihrer Uroma, sie spricht mit ihrer Oma und ihrer Mutter. Und da ist auch noch eine abwesende Frau, durch Dokumente ins Leben zurückgeholt, de­ren Schicksal ergreifend in das Familientuch eingewoben ist. Die beteiligten Frauen sind höchst un­terschied­liche Charaktere. Mit ihnen bildet sie auch ein intensives Porträt des 20. Jahrhunderts ab.

Jana-Ji Wonders’ Dokumentarfilm ist nicht zuletzt auch eine Auseinandersetzung mit den unkonventionellen Vorstellungen der sogenannten 68er-Generation, die sich hier nicht in politischem Aktionismus, sondern im vorsichtigen Lösen aus eingefahrenen Strukturen zeigt. Frauen begannen, ihr eigenes Leben zu leben. Ob das in diesem Fall unter dem Strich besser gelang als der älteren Generationen ihrer Mütter und Großmütter, die lebenslang am Herd standen und versuchten, die Familie zusammen zu halten, darüber lässt sich mit diesem Film trefflich nachdenken.